Soldschreiber auf Reisen

Wie sagte es bereits Groucho Marx: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Ich füge hinzu: Und seien dessen Absichten auch noch so hehr.
Wenn ich das Wort Kodex im Zusammenhang mit Pressereisen und PR-Events höre und lese, rollen sich meine Fußnägel erstmalig. Denn in den meisten Fällen biegen sich diejenigen, die sich darauf verständigen, die Welt auch ein Stück nach ihrem Bilde zurecht.
Auf den ersten Blick sieht denn auch vieles höchst ehrenwert aus. aber schnell wird klar, dass es ein Mäntelchen braucht, das man über die eigene (Un)Abhängigkeit hängen kann.
Egal, welche hochwohlgeborenen moralinsauren „Regeln“ man sich selbst gibt: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird. Das war so, das wird stets so bleiben. Wer im Chor nicht genügend laut mitsingt, ist beim nächsten mal nicht dabei, basta. Wie im Polit-Journalismus auch: Wer „unter drei“ etwas nach außen trägt, fliegt aus der illustren Runde.
Nur Milchmädchen, Traumtänzer und Fantasten können „Einladung“ und „Unabhängigkeit“ in einen sinnvollen Zusammenhang bringen. Weil es unmöglich ist! Wer anderer Brot (fr)isst, hat gefälligst auch deren Lied zu singen – und tut es regelmäßig auch. Pressereisen sind gut für den Eingeladenen, mitunter auch gut für die Redaktionen, da der Etat geschont wird. Aber sind sie immer auch gut für den veröffentlichten Artikel?
„Von Ausnahmen abgesehen halte ich Einladungen zu Pressereisen indes nicht für sinnvoll. … Ich verstehe nicht, warum sich Medien nicht an den Kosten ihrer Recherchen beteiligen“, so Jörg Eigendorf, Investigativchef der „Welt“. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
Was gibt wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit? Ich zitiere mich gerne in eigener Sache: „Das Gros des deutschen Reise-Journalismus findet zunehmend als Pressereise statt. Ich mache mir grundsätzlich mein eigenes Bild – und zahle dafür auch gern selbst. Ich verreise nicht auf Kosten von touristischen Anbietern! Jedes Flugticket, jede Busfahrkarte, jeder Schlafplatz und jede Tour sind aus eigenen Mitteln bezahlt worden.“ Ich muss nicht berichten, ich kann es. Ich kann es auch bleiben lassen – und Urlaub pur genießen. Wenn über Veröffentlichtes jemand sauer werden sollte, interessiert mich das wie die Wasserstandsmeldung des Ganges und der Elbe zusammen genommen.

Eine Unterstützung/Einladung ist keine Bezahlung. Sie ist die Grundlage dafür, dass wir unserer Arbeit nachgehen können.

Und hier liegt der große Irrtum! Grundlage dafür, dass man über das Thema REISE berichten kann, ist das Vorhandensein von eigenem Geld! Sonst muss man zum Kaninchenzüchterverein um die Ecke zu Fuß gehen und fürs Lokalblättchen schreiben. Fairer Weise füge ich hinzu, dass heutzutage das Reisekleingeld nicht (mehr) mit Reisereportagen verdient werden kann. Die (aus der „Mode“ gekommene) faire Praxis, dass eine Redaktion dem Reporter/Fotografen zuzüglich zum Honorar auch die notwendigen (nachgewiesenen!) Spesen erstattet (oder pauschal anteilig bei Mehrfachverwertung inkludiert), ist vorbei.
Nur: Das, was jetzt überall ins Haus flattert, ist viel näher an PR denn an Journalismus dran!
Eine „Einladung“ mit kommerziellem Hintergrund (nichts anderes sind Presse- und/oder Blogger-Reisen) ist ein geldwerter Vorteil. Eine Leistung des Gebenden. Nur Narren können annehmen, dass dafür keine Gegenleistung erwartet wird. Eine Reportage oder ein Blog-Post mit kritischen Anmerkungen, die im Rahmen einer Pressereise entstanden, sind mir in jüngster Vergangenheit jedenfalls nicht untergekommen. Wie lautet ein altes Sprichwort aus Spanien so treffend: „Wer große Reisen unternimmt, bringt große Lügen heim.“
Ich wundere mich auch nicht, dass kritikfreie Reiseberichte stets da zu lesen sind, wo ich das eigene Budget des Schreibers als sehr gering verorte! Es ist schon ein Unterschied, ob ein Yacht-Besitzer sich von einem anderen Yachtbesitzer einladen läst oder ob der schreibende Gast nicht mal ein Schlauchboot sein eigen nennt!
Um es drastisch zu sagen: Ich mag mir ein Guesthouse nicht von einem Millionär erklären lassen und umgekehrt ein Luxushotel nicht von einem Backpacker, der so etwas erstmals von innen síeht.
Wenn sich „Gast“ und „Gastgeber“ nicht auf Augenhöhe gegenüberstehen, ist keine „Waffengleichheit“ gegeben, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis! Letzteres wird in aller Regel auch gnadenlos ausgenutzt. Die Resultate sind mannigfaltig nachzulesen. Da „testen“ dann schon mal Reiseblogger ein „Resort & Spa“, über dessen Schwelle sie normaler Weise nie (oder nur selten) kämen.

Letzte Bemerkung: Wie es um die Wertschätzung des Gastes und den „Alltag“ in einem Hotel wirklich bestellt ist, erfährt man sehr realitätsnah als zahlender Reisender. Schon ein Presseausweis verzerrt das Bild!
Das einzig Positive, dass ich diesem „Kodex“ abgewinnen kann, ist der Umstand, dass man sich darauf verständigte, Inhalte, die durch eine Unterstützung/Einladung zustande gekommen sind, deutlich zu kennzeichnen. Andererseits: Ist das nicht selbstverständlich? Anscheinend leider nicht, denn die unselige Spezies der touristischen Soldschreiber und Mietmäuler wächst täglich weiter an … (Link)

Kurz und bündig: Möge jeder Redakteur/Blogger das schreiben, was er mag. Ich lese es (meist) gern, aber auch mit gebotener kritischer Distanz. Ich würde es allerdings sehr begrüßen, den Korb der Moral etwas tiefer zu hängen.

3 thoughts on “Soldschreiber auf Reisen

  • Hi Andreas,
    interessante Überlegungen. Denkt man Deine Meinung weiter, würde es aber unterm Strich auch dazu führen, dass nur noch bestimmte Gruppen über Reisen berichten. Nämlich die, die sie selbst finanzieren können. Geht man davon aus, dass nicht jeder Reisende dazu geboren ist über seine Erlebnisse zu schreiben, blieben da also noch Budget-Berichte von Backpackern, Reisereportagen von vielreisenden Rentnern und der eine oder andere Text von Journalisten im privaten Urlaub. Damit das Reiseresort einer Printauflage zu füllen, dürfte schwierig werden. Kürzlich bin ich über diesen Text zum Thema gestolpert: http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-meinungen/ein-journalist-auf-pressereise-lars-zahlt.html Finde ich ganz treffend dargestellt…
    Viele Grüße, Claudia

  • Hallo Claudia,
    schön, dass wir uns da schon mal hinsichtlich des Beitrages im „journalist“ einig sind. Ich kannte ihn – und habe beim Lesen mehrfach schmunzeln müssen. Ja, so läuft das, leider.
    Die von dort beschriebene Praxis ist inzwischen Alltag, auch bei den „Großen“. Wenn ich z. B. in „Die Welt“ eine Reise“reportage“ lese, weiß ich nach zwei Absätzen, wer gezahlt hat. Und ich kann via Google leicht feststellen, wer noch so alles bei dieser „Pressereise“ dabei war. Ist das der Sinn des Reise-Journalismus?
    Da dir redaktionelle Abläufe anscheinend auch nicht unbekannt sind: Die Reise-Ressorts halte ich für ziemlich verlottert (vor allem bei Redaktionen, die kein große Honorar-Budget haben). Warum? Billig-Gazetten, die jede Woche eine Deutschland- und eine Fernreise auf je einer Doppelseite (noch dazu üppig bebildert) vorstellen, könnten das gar nicht aus dem eigenen Topf finanzieren. Also kommt letztlich PR-Material zum Zuge, meist verknüpft mit einem Veranstalter, der auch noch eine Reise fürs Gewinnspiel sponsert. Bestellte Wahrheiten eben.
    Der Ist-Zustand, auch bei Bloggern: Die Schere ist nicht im Gepäck, sondern im Kopf! Die Angst, dass es kein nächstes mal geben könnte, reist mit. Und die Angst ist umso größer, je kleiner das individuelle Budget ist.
    Kommen wir zu meinem Hauptkritikpunkt: Jedem halbwegs intelligenten Leser (speziell von Printmedien) ist klar, wie der Hase läuft. Das war auch einmal für viele der Grund, in die Blogosphäre auszuweichen. Inzwischen sind aber viele (Reise)Blogs von redaktionellem Einheitsbrei nicht mehr unterscheidbar! Das, was früher mal aus einem individuellen Blickwinkel betrachtet wurde, kommt heute als Sichtweise derjenigen daher, die dafür zahlen. Ja, rühmliche Ausnahmen gibt es, aber zu wenige.
    Es genügt, in Blogger-Texten zu filtern, wie oft ein Veranstalter- oder Hotel-Name auftaucht. Sind einige bereits derart abgehoben, dass sie den schönen Schein vom Sein nicht mehr unterscheiden können? Ein Beispiel: Ich kann getrost davon ausgehen, dass zahlende Dritte ebenso behandelt werden wie ich als zahlender Gast. Das ist bei Vorlage eines Presseausweises oder als Teilnehmer einer Pressereise durchaus (meistens) anders …
    Ich bin der festen Überzeugung, dass die Glaubwürdigkeit von Reise-Blogs deutlich gelitten hat (aus Lesersicht). Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ich eine (gekennzeichnete!) Pressemitteilung als Information „verwurste“ oder ob ich die subjektive Sicht Dritter als die eigene ausgebe!
    Und dann gibt es neben den Soldschreibern noch die (Gottseidank sehr kleine) Spezies, die sogar glaubt, Gegendruck aufbauen zu können. Die (so vorhanden) ihren Presseausweis als Rabattkarte missbrauchen. Es ist eindeutig zu einfach, an diese Plastikkarte zu kommen!
    Warum erwirtschaften so wenige Blogger Eigenmittel, ist eine meiner Fragen. Fotos verkaufen, Vorträge halten, Bücher schreiben – alles Möglichkeiten, unabhängig zu bleiben. Zwischen klar abgegrenzter Werbung (Banner o. ä.) und werbenden Posts ist ein himmelweiter Unterschied! Doch die wenigsten stehen auf eigenen, sicheren Füßen. Genau diesen Zustand machen sich die Veranstalter von Pressereisen zunutze!
    Ich würde mir sehr wünschen, dass ein „Profi-Blogger“ z. B. mal den Versuch unternimmt, in geeigneter Form eine teilweise Paywall einzuziehen.
    Wo wäre der mediale Idealfall zu suchen? Bei angestellten oder festfreien Redakteuren, die meinethalben auch eine PR-Tour unternehmen. Die aber so freigeistig im Denken und Schreiben sind, dass die Realität angebildet wird. Notfalls mit dem Ergebnis, dass Redakteur und Medium nie wieder eingeladen werden. Besser noch: Man schickt eigene Redakteure los, die man für ihre Arbeit anständig bezahlt. (Ich weiß: Ein Traum!)
    Würden mehr unabhängige Vielreisende (statt sich am Strand einen Sonnenbrand zu holen) öfters ein Notebook mitnehmen und an einem schattigen Plätzchen ihre Eindrücke schildern – es wäre ein guter Schritt zu mehr Glaubwürdigkeit.
    Allzeit gute Reise, ein frohes Fest und vor allem Gesundheit wünsche ich dir nebst Familie.

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