Reisewörtliches von Profis (Gastbeitrag)

Wenn man mit Frau und zwei Kindern vier Jahre, fünf Monate und 29 Tage – summa summarum also 1.624 Tage – auf der Welt unterwegs ist, darf man sich getrost „Reise-Profi“ nennen. Homeschooling für Tochter & Sohn in Japan, Nordkorea, Äygpten – unterm Strich 50 Länder. Die Weltreise schadete weder den Kids noch der Ehe. Respekt!
Ich hatte an den Mann, der sich Robin Renitent nennt, keine zehn Fragen. Er soll etwas umfänglicher selbst zu Wort kommen. Manchen Satz sollte man zwei Mal lesen. Es lohnt nicht nur für diejenigen, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, sondern auch für die, die bereits unterwegs sind.
Ich redigiere in Gastbeiträgen grundsätzlich nicht – wortgetreu und ungeschminkt also:

In Nordkorea hat die Familie auf ihrer Weltreise mehr als nur Staub gewischt - auch in die nationalen Kochtöpfe schaute man nicht nur.  Fotos (2): R. R.

In Nordkorea hat die Familie auf ihrer Weltreise mehr als nur Staub gewischt – auch in die nationalen Kochtöpfe schaute man nicht nur.
Fotos (2): R. R.

Reisen will „gelernt“ sein. Wer nie eine Reise gemacht hat, sollte nicht gleich mit einer Weltreise anfangen. Wer glaubt, sein Reisevorhaben als Flucht aus dem Reglement deutsch/europäischer Bürokratie organisieren zu können ist ein Illusionist, ja schlimmer: Er offenbart seine ganze Dummheit. Und wer eine Reise, gar eine Weltreise als Ausstieg ansieht oder gar als Einstieg in persönliche „Freiheit“, sollte gleich zu Hause bleiben.
Oder so: Wer nicht bereits innere Freiheit besitzt oder sie sich erkämpft hat, wird sie auch in der Fremde nicht finden. Dazu gehört auch die Freiheit von materiellen Zwängen, die nicht automatisch mit dem Aufbruch in die Ferne kommt, sondern die bereits eine Voraussetzung für praktizierte Reisefreiheit ist.
Warum ich das sage? Weil wir Erfahrungen haben, mehr Erfahrungen als die meisten aller Reisewilligen. Wir haben eine Weltreise gemacht:
Insgesamt waren wir 4 Jahre, 5 Monate und 29 Tage unterwegs, also 1.624 Tage. Als wir starteten, waren unsere Kinder 8 und 12, als wir zurückkamen waren sie 13 und 17. Wir haben Homeschooling gemacht.
Wir haben etwa 200.000 km zurückgelegt. Auf dieser Reise waren wir in 50 Ländern.
Das Bett, also das Hostel, Hotel oder Motel haben wir um die 700 Mal gewechselt. Das bedeutet auch, dass wir 700 Mal das Gepäck reingeschleppt, ausgepackt (jedenfalls teilweise) und wieder rausgeschleppt haben.
An etwa 1.300 Tagen haben wir Restaurants aufgesucht. Wir haben 32 Mal den Mietwagen gewechselt. 30 Fahrzeuge davon habe ich selbst gefahren, zwei Mal hatten wir einen Fahrer (Indien und Laos).
23 Tage und Nächte waren wir auf dem Wasser. (Fähre Wladiwostok – Südkorea 1, Fähre Südkorea – China 1, Halong Bay 1, Yangtse River 3, Australien – Hawaii 17)Massenaufmarsch NordkoreaEtwa 250 Kirchen, Kathedralen, Tempel und sonstige Anbetungsstätten haben wir besucht und von außen und innen gesehen.
In den jeweiligen Ländern haben wir uns, genug Zeit hatten wir ja, mit den sozialen Systemen, der Architektur, der Infrastruktur, der Kunst, dem historischen Erbe und dem Alltagsleben befasst. Das hat unseren Horizont erweitert und zu unser aller Allgemeinbildung beigetragen.
Uns wurde nichts gestohlen, kein Laptop, keine Kamera, kein Objektiv, nichts, gar nichts. Wir haben auch nichts verloren. Ja, nicht einmal überfallen wurden wir.
Das Beste: Wir sind auch nicht krank geworden. Jedenfalls nicht, was durch die Reise bedingt wäre.
Das Allerbeste: Wir sind auch nicht pleite.
In diesen 4 ½ Jahren haben wir unzählige andere Reisende getroffen. Reizende Leute, zum Teil aber auch Spinner, Idioten und Träumer. Gestrandete, Schnorrer und Ganoven. Insofern können wir uns also ein Urteil erlauben und können feststellen:
Es gibt nur wenige Reisende mit einer festen Vorstellung eines Ziels oder einer Agenda im Kopf.
Bei uns z. B. war die Reise ein selbstgewählter pädagogischer Auftrag, um unseren Kinder (und uns) Erfahrungen aus erster Hand zu vermitteln. Das, was die meisten Kinder und Erwachsenen sich selbst vorsetzen, sind Erfahrungen aus zweiter Hand, also aus dem Fernsehen. Man nimmt das auf und zieht es zur Urteilsfindung heran, was ANDERE gesehen und erlebt haben. Diesen Lernprozess der eigenen Erfahrung mit in den Alltag zu übertragen, war auch eines unserer Hauptanliegen. Dazu gehören Dinge wie Medienkritik, zwischen den Zeilen zu lesen und das Schärfen eines kritischen Bewusstseins.
Viele haben uns gefragt: Seid ihr Millionäre?
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man „umsonst“ um die Welt kommt. Aber man muss auch nicht Millionär sein. Die Lebenshaltungskosten hat man zu Hause wie in der Ferne gleichermaßen. Anstelle von Miete oder Grundsteuer daheim hat man Hotel- oder Hostelkosten.
Man pflegt auf Reisen einen ähnlichen Standard wie zu Hause. Wer in bürgerlichen Verhältnissen gelebt hat, wird – von Ausnahmen abgesehen – nur selten unter Brücken schlafen wollen.
Wer schon immer ungepflegt und schlampig durch die Gegend torkelte, kann das auch im Ausland tun. Er sollte aber bedenken, dass andere Nationen sehr wohl auf sich halten und mit Verachtung auf dekadente Westler schauen, die meinen, bloß weil es warm ist, sich gehen lassen zu können. Für etliche Westler haben WIR uns in Grund und Boden geschämt. Und man sollte so viel finanzielle Reserven haben, dass man diese Zeit des Reisens ohne materielle Not überbrücken kann und auch noch ausreichende Mittel hat, um nach dem Zurückkommen ganz gelassen wieder ins Berufsleben einsteigen zu können.
Sagen wir es mal ganz klar: Wer ohne ausreichende finanzielle Mittel durch die Gegend reist und auf die Gnade anderer Reisender angewiesen ist oder auch nur darauf reflektiert, ist ein Schmarotzer. Wir haben solche Typen gesehen, zuhauf – und uns von ihnen ferngehalten. Die Wahrscheinlichkeit, unterwegs gerade mehr westliche Versager zu finden als daheim, ist hoch – da man immer wieder an touristischen Highlights auf sie stößt. Überhaupt ist auffällig, wie viele Gestrandete man trifft. Menschen, die es auch zu Hause nie geschafft haben, sich zu disziplinieren und etwas auf die Beine zu stellen.
Besonders hoch ist der Anteil der Träumer. Wir haben unzählige Spinner getroffen, die keinen Schulabschluss hatten und auf keinerlei Berufserfahrung zurückblicken konnten. Aber sie glaubten im Ausland Englisch oder Deutsch unterrichten zu können. Trugschluss. Auch in China oder Vietnam werden Zertifikate verlangt und das Angebot an Studenten und Lehrern aus westlichen Ländern ist sehr hoch. Und braucht beispielsweise Shanghai wirklich für seine lernwillige Finanzelite britische Schulabbrecher oder deutsche Gymnasiasten, die irgendein dubioses Englischzertifikat vorweisen können? Dort will man bestes Business-Englisch lernen. „How do you do?“ können sie auch ohne Lehrer sagen. Auch auf „PC-Experten“, „Erzieher“ und „Kindermädchen“ wartet niemand. Gibt’s alles vor Ort – und besser.
Die wirklich Zielstrebigen? Ja, die haben wir auch getroffen. Junge Leute, die in China, in Malaysia, in Buenos Aires studierten. Aber die hatten bereits in Deutschland oder Europa exzellente überdurchschnittliche Leistungen erbracht, hatten Stipendien bekommen, sprachen die Landessprache bereits perfekt und waren für zwei oder mehr Semester an einer führenden Uni eingeschrieben. Junge, smarte Leute, die selbst unter den einheimischen Studenten hervorstachen. Ihnen gehörte unser ganzer Respekt.
Die Grauköpfe trifft man am Baikalsee ebenso wie in Machu Picchu. Meistens sind sie eine kleine Gruppe. Man sieht ihnen auf 100 km gegen den Wind an: Deutsche im Pensionsalter. Kommt man näher, sind es fast immer pensionierte Studienräte. Diese sind nun wieder so unflexibel, so deutsch geordnet, dass man das Weite suchst. Sie drängeln und schubsen und wissen alles besser. Wenn man sich mit ihnen unterhält, hätte man sich auch die Reise sparen können. Mit diesen Studiosus-Grufties hat ein echter Weltreisender nichts gemein.
Und auch nichts mit den Gruppentouristen. Das sind Menschen, die schon das Herausfinden eines Grenzübergangs oder einer Reisestrecke als lästig empfinden. Sie delegieren alles. Nie haben sie mit knurrendem Magen die Straßen abgeklappert, um etwas Essbares zu finden. Sie sitzen des Abends am vorgebuchten Abendbrottisch.
Der echte Weltreisende ist ein Individualreisender. Dazu gehört auch folgendes: Eine Krankenversicherung, die länger als sechs Wochen taugt (ein erheblicher Kostenfaktor), das eigenständige Kümmern um Pässe und Visa, das Organisieren von Grenzübertritten zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Wir haben auf unserer Reise etwa 80 Mal Grenzen überquert. Wir hatten nie ein Problem. Nur eine Illusion hatten wir nicht: Dass es im Ausland weniger Bürokratie gibt. Meistens gibt es mehr. Und umsonst ist sie auch nicht.
Wir haben auf Renten- und Pflegeversicherung verzichtet. Aber nicht um Geld zu sparen, sondern weil es zu unserem Lebenskonzept gehört, selbst für uns (vor) zu sorgen. Wir haben Herrn Blüm nie vertraut. Mit anderen Worten: Solche Entscheidungen trifft man ganz unabhängig von dem Wunsch, auf eine Reise zu gehen.
Zu guter Letzt: Man kann allein reisen. Nur sollte eine solche Reise nicht dazu genutzt werden, um eine Partnerin/Partner, die auch zu Hause nicht gefunden wurden, nun ausgerechnet auf der Reise zu finden. Weder junge Frauen noch junge Männer sind in der Mehrheit gewillt, sich anbaggern zu lassen.
Was man machen kann, ist, dass man einen gewissen Reiseabschnitt gemeinsam weiterreist. Das kann sehr nett sein, jedenfalls dann, wenn es frei ist von sexuellen Ambitionen.
Wenn man zu zweit reist, ist die Reise kein Problemkitt. Im Gegenteil, man muss sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Ohne Harmonie geht man sich schnell auf den Geist, schneller als zu Hause, wo man ausweichen kann. Unterwegs ist man zur gemeinsamen Weiterreise gezwungen, denn allein reisen und Trennung wird teuer.
Mit Kindern: Das Erlebnis für eine Familie überhaupt. Eine gute Möglichkeit für alle, Disziplin zu lernen und wie man sich zurücknimmt. Wir haben es so gehalten, dass wir mal in Hostels und mal in Hotels geschlafen haben. Auch Eltern haben einen Anspruch auf Privatleben. Den kann man in Hotels besser umsetzen. In Hostels wiederum lernen die Kinder sehr gut soziale Kompetenz und Umsichtigkeit.
Wir waren 1.624 Tage ständig zusammen. Es hat uns nicht geschadet. Im Gegenteil. Wir alle haben diese Zeit sehr genossen. Wir alle haben gelernt, uns in unseren Wünschen zurückzunehmen, Konflikte auszutragen, Versöhnungen, wo notwendig, zu bewerkstelligen. Wir konnten jeder unseren Individualismus weiterentwickeln und haben dennoch verstehen gelernt, dass unsere Freiheiten das Korsett der Rücksicht tragen müssen.
Diese Weltreise hat auch Verzicht erfordert: Fußball spielen war nicht drin, der Go-Club konnte nicht fortgesetzt werden, die Freunde konnte man nicht sehen. Email und Skype, Facebook waren Ersatz. Das hat auch gut geklappt. Nicht immer, wenn das Internet schlecht funktionierte, aber generell eben doch. In China haben wir für zensierte Seiten eine Tunnelsoftware benutzt. Ohne das Internet wäre unser Leben ärmer gewesen, hätte die Reduzierung der Bindungen mehr geschmerzt.
Dass wir als Familie diese Reise geschafft haben, in Harmonie und Liebe, ist ein Glück, ein Privileg, für das wir dankbar sind. Es bestärkt uns in der Ansicht, dass man sein Schicksal zwar nicht aufhalten, aber doch zumindest beeinflussen kann. Diese Reise hat uns auch gelehrt, unser Zuhause zu schätzen. Das Essen von gutem Porzellan, kochen am eigenen Herd, eine kultivierte Einrichtung, Konzertbesuche und Freunde um die Ecke.
Wer nicht ausgeglichen und innerlich frei losfährt, wird auch sein Zuhause nicht mit Ausgeglichenheit und Freiheit ausfüllen können.

Reisen ist Bereicherung und keine Flucht!

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