Reiseleitung und Reiseleid

Wie wird man Reiseleiter?
Einen geordneten Ausbildungsgang gibt es derzeit nicht. Das Gros der Reiseleiter sind Autodidakten und in den Unternehmen theoretisch und praktisch geschulte Mitarbeiter. Qualifizieren kann sich der künftige Guide auch beim RDA. Wesentlich höher liegt die Messlatte bei Studienreiseleitern. Hier wird neben einem akademischem Abschluss und sehr guten Fremdsprachenkenntnissen meist auch Lebenserfahrung im Reiseland vorausgesetzt.
Wer glaubt, das Zeug zum Reiseleiter zu haben: Jetzt ist die beste Gelegenheit, sich z.B. bei Busreise-Veranstaltern oder als Standort-Reiseleiter bei den Branchengrößen zu bewerben! Im April beginnt die bis Oktober währende Saison und Neue sind stets willkommen.
Was sollten Reiseleiter können?
Grundkenntnisse in Englisch sind unabdingbar (Ausnahmen bestätigen leider die Regel). Neben einer möglichst dialektfreien Aussprache gehören ein gepflegtes Äußeres und Erfahrung im Umgang mit größeren Menschengruppen zu den Grundvoraussetzungen. Reiseleiter sollten „Menschenfreunde“ sein und ihre Gäste die eigene Freude an diesem Job spüren lassen. Ein dickes Fell gehört aber auch dazu. Wer meint, es allen Reisegästen recht machen zu können, ist gut beraten, einer anderen Beschäftigung nachgehen.
Jetzt wird es ernst: Wer nicht organisieren kann und mit Unvorhergesehenem nicht fertig wird, ist als Reiseleiter völlig fehl am Platze. Landeskunde und die ausgeprägte Fähigkeit, eine größere Gruppe zu moderieren, gehören dazu. Ferner sollte ein Reiseleiter einen Stadtplan lesen können.
Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil: Reiseleiter sind keine Alleinunterhalter und „betreutes Reisen“ steht (noch) nicht in der Leistungsbeschreibung der meisten Veranstalter. Witze gehören eher an den Rand des Geschehens, Zoten verbieten sich von selbst! Zu den Selbstverständlichkeiten für einen Reisebegleiter im Bus sollte gehören, dass aufmerksamer Service (Imbiss, Kaffee, kalte Getränke) sich mit sinnvollen Erklärungen der Reiseroute, des Zeitplans und spezifischen Besonderheiten des Reiselandes abwechseln. Reisenden z. B. klar zu machen, dass ein Reisebus keine Speisebus ist, kann aber auch nicht schaden. In nicht eben seltenen Fällen sollten Reiseleiter im Club für deutliche Aussprache sein. Was Gästen recht ist, muss Guides billig sein.
Was mögen Reiseleiter nicht?
Co-moderierende Gäste und notorische Nörgler sind jedem Reiseleiter ein Gräuel! Der gesittete Gast sollte nicht „raus hängen“, lassen, wenn er sich in Rom besser auskennt als der Reiseleiter. Der Guide könnte der Experte für fast alle anderen europäischen Hauptstädte sein, sein Pech bestand nur darin, kurzfristig für den Italien-Kenner seiner Firma einspringen zu müssen.
Für das Wetter sowie andere Sitten und vor allem andere Speisen im Gastland möchte er nicht verantwortlich gemacht werden. Wenn in der Reisebeschreibung von „Freizeit“ die Rede ist, gilt das auch für den Reiseleiter. Er ist für das Wohl der gesamten Gruppe verantwortlich und nicht der „Blindenhund“ einer zunehmenden Gästezahl im Großstadtdschungel. Fragen nach „Geheim-Tipps“ wird jeder Reiseleiter zurückhaltend beantworten – schließlich kennt er nur seine eigenen Vorlieben, aber nicht die der Fragesteller.
Es ist gang und gäbe, dass am Ende einer Reise die Teilnehmer ihren Reiseleiter und die Reise insgesamt bewerten. Man bewerte so objektiv, wie man im Zweifelsfalle selbst bewertet werden möchte!
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Ein paar offene Worte
Die übergroße Mehrzahl an Reiseleitern rund um den Globus sind engagierte, weit über einen 8-Stunden-Tag hinaus arbeitende Dienstleister, Menschen aus Fleisch und Blut. Ihr Job ist es, Touristen einen gelungenen Urlaub zu bescheren, an den diese lange und gern zurück denken.
Die meisten von diesem Knochenjob lebenden Reiseleiter sind freie Mitarbeiter auf Zeit bei einem oder mehreren Veranstaltern. Oft sind die Pausen zwischen zwei Reisen sehr kurz und ihr Salär bemisst sich neben freier Logis und Halbpension auf einen Tagessatz von bis zu maximal 200 Euro, meist weniger als die Hälfte. Reiseleiter wählen diese Tätigkeit also aus Passion. Zum reich werden taugt dieser Job nicht, zumal in den Wintermonaten meist Flaute herrscht.
Worüber sich jeder Reiseleiter stets mehr freut als über ein angemessenes Trinkgeld (das ohnehin oftmals der Vergangenheit angehört!):
Ein freundliches „Dankeschön“ und ein verständnisvolles Publikum!

6 thoughts on “Reiseleitung und Reiseleid

  1. Der Artikel verschweigt die enormen Aufwendungen des Reiseleiters vor jeder einzelnen Reise. Er muss auf alle Eventualitäten der Reise eingehen, Fahrtroute, Fähren ,Pässe, Zwischenstationen und selbst unvorhergesehene Zwischenfälle , wie Pass- und Gelddiebstähle. Die Reise wird vom Veranstalter organisiert, aber vom Reiseleiter durchgeführt, mit aller Verantwortung. Jede Reise muss neu erarbeitet werden, auch wenn sie schon mehrfach durchgeführt wurde, die Umstände verändern sich von Reise zu Reise,
    bis hin zur Zusammensetzung der Reisenden. Es zeugt von einer enormen Anpassungsfähigkeit und Einfühlvermögen des Reiseleiters, um die Reise als Erfolg für Reisende und das Unternehmen erfolgreich zu gestalten. Wir wissen aber alle, dass schon ein nörgelnder Gast ( die anderen zufrieden Gäste ) und die gesamte Reise in Frage stellt. Die Bezahlung von bis zu 200 € ist einfach nur ein Höchstwert, man muss bedenken, dass in der Zeit von November bis März nichts verdient wird, aber die Zeit für die Vorbereitung genutzt wird. Ich habe Hochachtung vor soviel Hingabe für ihre Kunden und auch die Verantwortung
    für ein Gelingen der schönsten Zeit, den Urlaub. Ich bin kein Reiseleiter — ich bin nur ein Kunde.

    Peter Heise

    • Hallo Herr Heise, die „Aufwendungen“ werden nicht verschwiegen, sondern vorausgesetzt. Gar kein Thema, dass im „Vorlauf“ verdammt viel (stets aufs Neue) getan werden muss (was die wenigsten Gäste ins Kalkül ziehen).
      Der gar nicht so goldene Mittelwert dürfte sich beim Honorar auf weniger als 100 € einpegeln. Trinkgeld ist seit 8-10 Jahren nicht mehr wirklich der Rede wert. Beträge von umgerechnet pro Gast und Tag deutlich weniger als 50 Cent sind kein Trinkgeld, sondern eine Beleidigung. Aber gang und gäbe. Gästeführer in Städten gehen meistens leer aus.

  2. @Worüber sich jeder Reiseleiter stets mehr freut als über ein angemessenes Trinkgeld (das ohnehin oftmals der Vergangenheit angehört!): Ein freundliches „Dankeschön“ und ein verständnisvolles Publikum!
    Diese unsinnige Vorstellung gehört wirklich ausgerottet. Jeder Reiseleiter freut sich über ein angemessenes Trinkgeld, je geringer der Tagessatz, umso mehr, aber es stimmt, dass gerade die Deutschen extrem geizig sind, was dies angeht. Ich wundere mich ehrlich gesagt, dass es bei solchen Tagessätzen überhaupt noch Reiseleiter gibt. Wenn man bedenkt, welche Gewinne die Reiseveranstalter einfahren, dann sollte man sich das auf jeden Fall überlegen, ob man für das Geld den ganzen Tag einen Bus voller Leute unterhält. Wer es als Hobby macht, dann ist es ja nett, oder als Student, um die Welt zu sehen. Aber zum Geld verdienen sind Stadtführungen viel lukrativer, man kriegt dasgleiche Geld für die Hälfte des Aufwands. Ich persönlich denke, dass jeder Reiseveranstalter ohne gute Reiseleiter einpacken kann und darum finde ich, dass alle Reiseleiter mehr Geld verlangen sollten. Jepp.

    • Keine Frage, dass die meisten Reiseleiter für einen Tagessatz arbeiten, den man eher als Schmerzensgeld bezeichnen kann. Reiseleitung als Broterwerb sehe ich skeptisch. Da sollte jeder, der sich das antut, zuvor das Armutsgelübde abgelegt haben. Allerdings sehe ich nach wie vor das Trinkgeld kritisch. Niemand ist dazu verpflichtet. Wenn es dann am Ende einer Reise oftmals um Centbeträge geht, ist das in meinen Augen eine Beleidigung für alle Touristiker. „Danke und tschüß“ ist mir da lieber. Noch immer.

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