Reise-Knigge (Gebet)

Mitunter helfen nicht einmal Schilder (wie hier in Amsterdam)

Mitunter helfen nicht einmal eindeutige Schilder (wie auf dem Foto in der niederländischen Hauptstadt in Amsterdam)

Nicht alle verstehen diesen Reise-Knigge, den ich in einem Guesthouse in Malaysia fand. Vor allem die, für die er geschrieben wurde, begreifen ihn selten. Und das liegt nicht an fehlenden Englisch-Kenntnissen …

Eine deutsche Fassung nachstehend:

Herr im Himmel, wieder einmal haben wir vergessen, wie schön wir es zu Hause haben. So dachten wir, auf Reisen gehen zu müssen, und nun sind wir hier, fern der Heimat und ausgeliefert allem Fremden. Und mein Gott, es wird vieles fremd sein.
Himmlischer Vater, sieh herab auf uns, Deine bescheidenen und gehorsamen Touristendiener, die dazu verdammt sind, diese Erde zu bereisen, sinnfrei vor sich hin zu fotografieren und zu filmen, Postkarten mit vor Ewigkeiten abgelaufenem Haltbarkeitsdatum abzuschicken, völlig jenseitige und überflüssige Souvenirs zu kaufen und in Sandalen mit weißen Socken und Feinrippunterhemden herumzulaufen.
Wir bitten dich, oh Herr, acht zu geben, dass wir immer den richtigen Bus besteigen, dass unser Gepäck nicht verloren geht und dessen Übergewicht unbemerkt bleibt. Beschütze uns vor habgierigen und skrupellosen Taxifahrern, die die Radiofrequenz statt dem Taxameter-Preis verrechnen.
Schenke uns einen Busfahrer, der ausgeschlafen, adrett gekleidet, reaktionsschnell und stets gut gelaunt ist. Lass ihn ein Navigations-System des 21. Jahrhunderts haben und wissen, wie man es bedient. Gewähre uns einen Reiseleiter, der Hydranten von gotischen Portalen unterscheiden kann, der wenigstens den Eindruck erweckt, stets zuhören zu wollen und der die Landkarte nicht verkehrt herum hält.
Gib uns heute göttliche Führung in der Suche nach unseren Hotels, auf dass unsere vorbestellten Zimmer frei und sauber sind und wenn irgendwie möglich, dass es heißes Wasser gibt. Wir beten, dass die Rezeptionistin und der Kellner unsere Sprache sprechen und dass wir die bösartigen Tricks moderner Elektronik beim Öffnen der Zimmertüre begreifen.
Nach jenen ewigen Nächten ohne Nahrung lass uns des Morgens Buffets vorfinden wie aus dem Schlaraffenland und Gelegenheiten, kulinarische Notgroschen mitgehen zu lassen.
Gib uns die Weisheit, korrekte Trinkgelder zu geben in Währungen, die wir nicht verstehen. Verzeih uns, wenn wir aus Unwissenheit zu wenig geben oder zuviel aus Furcht. Lass die Einheimischen uns lieben für das was wir sind, und nicht für das, was wir ihren weltlichen Gütern hinzufügen können.
Gib uns die Kraft Museen, Kathedralen und Schlösser zu besuchen, die als ein Muss gelten. Und wenn wir einmal ein historisches Denkmal verpassen, um ein Mittagsschläfchen zu halten – habe Gnade, denn unser Fleisch ist schwach.
Führe uns, oh Gott, in gute und billige Restaurants, wo die Kellner freundlich sind, das Essen vorzüglich ist, und der Wein im Preis inbegriffen. Lass die Toiletten zahlreich, frei und makellos sein, und die Klofrau gerade bei der Pause sein.
Lieber Gott, halte unsere Frauen fern vom Einkaufen und behüte sie vor günstigen Gelegenheiten, die sie weder brauchen noch sich leisten können. Führe sie nicht in Versuchung, vergib ihnen ihre Schuld, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Allmächtiger Vater, bewahre unsere Männer davor, fremden Frauen nachzustarren. Beschütze sie davor, sich in Cafés und Nachtbars zum Affen zu machen. Vor allem aber, vergib ihnen nicht Ihre Schuld, denn sie wissen genau, was sie tun.
Lieber Gott, wir verreisen, weil wir das Anderssein kennen lernen möchten. Doch lass bitte dennoch alles so sein wie daheim.
Verschone uns mit üblen Nachrichten von daheim, die sein könnten, das Haus ist ab- und die Tochter durchgebrannt. Und wenn unsere Reise zu Ende geht und wir zu unseren Lieben zurückkehren, gib uns die Gunst, jemanden zu finden, der sich unsere Fotos und Filme ansieht und unseren Erzählungen lauscht, so dass unser Leben als Tourist nicht umsonst gewesen ist.
AMEN

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