Langsamkeit als Luxus

aaglanderEs gibt sie noch – urdeutsche Innovationen, die „back to the roots“ reichen und trotzdem nicht altbacken sind. Ein echter Lichtblick ist Roland Belz gewesen, ein Ur-Schwabe – später ansässig geworden in der Fränkischen Schweiz. Mit handgefertigten Motorkutschen leistet er (s)einen Beitrag zum sanften Luxus-Tourismus. Es gibt Leute, die hielten den Mann von Schloss Kühlenfels (bei Pottenstein) in Bayern für verrückt. Wie Insider wissen, nahm Belz solche „Ansagen“ eher als Kompliment. Die „Kohle“ für sein ehrgeiziges Projekt hat der Schwabe mit Kunststoff und dessen Recycling gemacht. English Website from „Aaglander“
Sein langsames Produkt kommt aus einer ganz anderen Welt. Der „Aaglander“ ist eine Motorkutsche, gefertigt in der hauseigenen Manufaktur auf seinem Schloss bei Bayreuth – und das Gefährt sieht aus wie eine fein herausgeputzte Antiquität aus den Anfängen des Automobils.
Aber der Aaglander ist neu – „und er ist gegen jede Vernunft“, sagte der Schlossherr, den wir zu Lebzeiten auf der ITB in Berlin trafen.
AaglanderDie Gefährte würden auch blaublütiger Kundschaft alle Ehre machen. Liebevoll ausgearbeitet sind sämtliche Details: Zwei bronze-farbene Pferde über einer goldenen Krone bilden gleichsam die „Kühlerfigur“. Sie ist immer im Blickfeld des Lenkers, der die Kutsche mit zwei starren lederummantelten Stangen führt. Das Heck ziert eine elegante, blattgoldbeschichtete Holzgirlande, auf den Kotflügel-Enden sitzen geschwungene Löwenköpfe aus poliertem Messing.
Angetrieben werden die Aaglander-Kutschen von Dieselmotoren; ihre maximale Geschwindigkeit liegt bei 20 Stundenkilometer. Pro Stunde verbrauche ein Aaglander ein bis eineinhalb Liter Dieselkraftstoff; bei einem Tankvolumen von 30 Litern kann man da schon einige Zeit unterwegs sein.
Auf so einer Kutschfahrt könne man auf bequeme und elegante Art die heimatliche Landschaft wieder ganz neu entdecken, betont Roland Belz, und Wege befahren, die sonst nur Wanderern oder Radfahrern vorbehalten sind. „Da sehen Sie plötzlich wieder die Blumen am Wegesrand und freuen sich drüber“, erzählte der 2011 verstorbene Diplom-Kaufmann und präsentierte somit die fast schon geniale Idee vom „Luxus der Langsamkeit“: Eine neue Art des sanften Tourismus via Motorkutsche – zunächst in der Fränkischen Schweiz.
Dafür bietet er in seiner „Aagland’schen Kutschhalterei“ auf Schloss Kühlenfels die motorisierten Gefährte zum Mieten an. Von der ausgearbeiteten Halbtages-Tour bis zum Dreieinhalb-Tage-Trip ist alles möglich – mit oder ohne Chauffeur.
Wer einen Aaglander als Selbstfahrer mieten will, braucht dafür lediglich den Pkw-Führerschein. Eine halbe Stunde etwa dauert es, bis man mit den Gegebenheiten des Gefährts vertraut ist. Lediglich die starren Lenkstangen sind gewöhnungsbedürftig. Kein Problem gibt’s mit dem Automatikgetriebe, die Blinker werden mit dem Fuß betätigt und einen Rückwärtsgang gibt’s auch.
Dass Touren mit den exklusiven fahrbaren Untersätze nicht für ‘nen Appel und ein Ei zu haben sind (drei Stunden Ausfahrt für 135 Euro), wird klar, wenn man den Preis des Gefährts kennt: „Zwischen 70.000 und 80.000 Euro – je nach Ausstattung – kostet ein Aaglander neu“, sagt Belz.

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