HALB-ZEIT in Kaliningrad

Das Wahrzeichen der Stadt ist unumstritten der gotische Königsberger Dom von 1325. Immanuel Kant, der seine Heimtstadt nie verließ,  liegt hier begraben.
Das Wahrzeichen der Stadt ist unumstritten der gotische Königsberger Dom von 1325.
Der Dom ist eines der wenigen Bauwerke, die im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurden.
Immanuel Kant, der seine Heimtstadt nie verließ, liegt hier begraben.

Um Königsberger Klopse zu essen, muss man nicht nach Kaliningrad (Калининград) reisen! Wer russischen Alltag und deutsche Historie in geballter Widersprüchlichkeit kennenlernen möchte, sollte es einmal im Leben dennoch tun. Das Grab des großen Immanuel Kant befindet sich auf dem Kneiphof – das Denkmal des U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko (versenkte 1945 die „Gustloff“) am Schlossteich. Dazwischen liegen nur wenige hundert Meter – und doch Welten.
Der Name Königsberg verschwand 1946 – die Stadt wurde nach dem im selben Jahr verstorbenen sowjetischen Politiker Michail Iwanowitsch Kalinin benannt. Ob es jemals wieder ein Königsberg (Кёнигсберг) geben wird, dürfte weniger am Pregel als vielmehr an der Moskwa entschieden werden. Eine Zeit lang gab es Hoffnung. Wladimir Putins geschiedene Ehefrau Ljudmila ist gebürtige Kaliningraderin.
Der Tourismus ist ein nicht unwichtiger Wirtschaftszweig – allein die Besucherzahlen gehen nach dem Boom der „Heimwehtouristen“ in den 1990er Jahren stetig zurück. Eigentlich sehr bedauerlich!
Eines vorweg für Russland-Neulinge: Es will wohl überlegt sein, ob man für eine Stippvisite in Kaliningrad nicht eine Pauschalreise bucht. Genügend Angebote gibt es.
Und wer beim Gedanken an Russland gleich die Hände vors Gesicht hält und Angstzustände bekommt, für den habe ich das passende russsiche Sprichwort dazu parat:
„Не так страшен чёрт, как его малюют.“ (Der Teufel ist nicht so furchterregend, wie man ihn malt.)
Wer im Kalinigrader Gebiet ankommt, stellt zuerst seine Uhr eine Stunde vor (baltische Zeit).
Wer im Kalinigrader Gebiet ankommt, stellt zuerst seine Uhr eine Stunde vor (baltische Zeit).
Sehenswürdigkeiten: Da kann ich mich relativ kurz fassen. Fischdorf, Königsberger Dom auf dem Kneiphof, ehemalige Alte Börse, die noch erhalten gebliebenen ehemaligen Stadttore (im alten Rossgärter Tor – Росгартенские ворота – befindet sich auch ein Restaurant). Das war es dann an wirklicher Historie oder Wiederauferstandenem. Bei schönem Wetter lohnt sich eine Bootsfahrt auf dem Pregel.
Immanuel Kant, der geistige Vater des Kategorischen Imperativs freut sich stets über frische Blumen auf seinem Grab am Dom.
Immanuel Kant, der geistige Vater des Kategorischen Imperativs freut sich stets über frische Blumen auf seinem Grab am Dom.
Der berühmte Dom: Es grenzt an ein Wunder, dass bei den zweitätigen schweren Luftangriffen auf Königsberg im August 1944 zwar der gesamte historische Stadtkern zerstört wurde, der Dom aber „nur“ ausbrannte. Eine Besichtigung lohnt, ein Orgelkonzert noch mehr. Der Obolus fällt in die Kategorie „peanuts“. (Virtuelle Besichtigung) An der Brücke zum Kneiphof lauern stets fliegende Händler, die von CD und DVD über Bernstein, Bücher bis hin zu Wodka und Zigaretten allerlei feil bieten. Finger weg! Fischerdorf am Pregel KaliningradDas Fischdorf: Der Aufbau des sogenannten Fischdorfes zwischen der Dominsel und Plattenbauten aus der Sowjetzeit war das grandioseste Bauprojekt der letzten zehn Jahre. Das Ensemble am Pregel vermittelt viel Königsberger Flair – ganz in der Nähe befand sich einst der legendäre Königsberger Fischmarkt. Heute beherbergt das neue Fischdorf Hotels, Restaurants, Cafés. Am Ufer gibt es einen Anleger für Ausflugsschiffe.
Kaliningrad Turm im FischerdorfVisum & mehr: Um ein Visum bei der Russischen Botschaft in Berlin oder dem für den Wohnort zuständigen Konsulat zu bekommen, muss der Reisepass sechs Monate über das Ausreisedatum hinaus gültig sein. (Das neue 72-Stunden-Visum ist hier erklärt – samt hilfreicher Agenturen). Der Nachweis einer Auslandskrankenversicherung ist obligatorisch. Die „Garantie der Rückkehrwilligkeit“ ist nachzuweisen (z. B. Lohn- oder Gehaltsbescheinigung, Rentenbescheid, Gewerbeanameldung). Da sich ständig Bestimmungen (auch sehr kurzfristig) ändern können – nachfragen! (Auswärtiges Amt & russische Botschaft)
Wer auf eigene Faust erstmals gen Russland und dann noch gen Kaliningrad reist und nicht einmal kyrillische Buchstaben entziffern kann, hat sich echt etwas vorgenommen. An der Grenze macht sich das schmerzlich bemerkbar, auch wenn viele Uniformierte Englisch sprechen. Für das Fahrzeug unbedingt eine Vollkasko abschließen und „RUS“ muss auf der Grünen Karte inbegriffen sein (ansonsten muss man an der Grenze eine russische Versicherung abschließen!). Auto oder Wohnmobil müssen beim Zoll deklariert werden.
Dieses architektonische Wrack ist ebenso hässlich wie es inzwischen ein Wahrzeichen ist: Das als Haus der Räte ( Дом Советов) geplante Gebäude steht im Bereich der früheren Königsberger Altstadt an der Stelle des ehemaligen Burggrabens. Erhebliche statische Probleme führten bereits in den 1970er Jahren zur Einstellung der Bauarbeiten. Immer wieder kursieren Abrisspläne. Der Kaliningrader Volksmund lästert über das Absacken des Hochhauses als „Rache der Preußen“.
Dieses architektonische Wrack ist ebenso hässlich wie es inzwischen ein Wahrzeichen ist: Das als Haus der Räte ( Дом Советов) geplante Gebäude steht im Bereich der früheren Königsberger Altstadt an der Stelle des ehemaligen Burggrabens. Erhebliche statische Probleme führten bereits in den 1970er Jahren zur Einstellung der Bauarbeiten. Immer wieder kursieren Abrisspläne.
Der Volksmund lästert seit Jahren über das Absacken des Hochhauses als „Rache der Preußen“.
Anreise: Der einfachste Weg von Berlin nach Kaliningrad führt durch die Lüfte. Ab ca. 250 Euro (nach oben und unten ist stets Luft) ist man dabei. Air Berlin fliegt nonstop; Aeroflot über Moskau oder St. Petersburg, Belavia via Minsk und Transaero über Moskau. Vom Airport Chrabrowo ins Stadtzentrum sind es ca. 25 km. Man kann den Bus Nr. 138 oder ein Taxi nutzen.
Mit dem Auto: Wenn man aus Polen kommt, gibt es zwei Übergänge: Mamonowo (Heiligenbeil) – liegt etwas näher an Gdansk (Polen) – und Bagrationowsk (Preußisch Eylau), das günstiger liegt, wenn man aus Masuren kommt oder dorthin weiterfahren möchte. Bitte beachten: Von der Grenze gen Kaliningrad kein Sightseeing links und rechts des Wegs – die Kirche in Bagrationowsk verlockt (Motiv links oben im „Sammel“-Foto) – aber es bringt nur Stress (wie ich erfahren musste). Der dritte Grenzübergang befindet sich weit im Osten – auf der polnischen Seite liegt Goldap, auf der russischen Gusew.
Auch mit dem Fernbus kann man von Deutschland gen Kaliningrad reisen (umständlich und vergleichsweise teuer). Eine direkte Bahnverbindung gibt es (nicht) mehr.
Eine weitere Möglichkeit der Ein- und Ausreise ist Litauen. Über die Kurische Nehrung erreicht man Nida (Nidden). Von Sowjetsk (dem ehemaligen Tilsit) kann man ebenfalls über den Neman (Memel) aus- und einreisen.
Fortbewegung in der Stadt: Ich rate zum Taxi. Man kann günstige Zeittarife aushandeln (für 10 Euro/Stunde fallen mir da einige Taxifahrer ein), das Taxi wartet dann auch. Der Bus ist innrhalb der Stadt die preiswerteste Variante.
Schlafen: „Heliopark Kaiserhof“ Im Fischerdorf gegenüber vom Dom. Schick, modern (DZ für rund 75 Euro). „Ibis Kaliningrad Center“ (DZ bekommt man mit etwas Glück für weniger als 50 Euro). „Hotel Moskau“ (DZ für rund 50 Euro). Zentral gelegen. Bushaltestelle vor dem Hotel, Zoo gegenüber. Im historischen Gebäude einer ehemaligen deutschen Versicherung. „Hotel Tourist“ (DZ ab ca. 35 Euro) 10 Minuten mit dem Bus ins Zentrum. Gediegener Neubau. „Hotel Baltica“ (DZ um 30 Euro) Etwas außerhalb gelegen, aber nur einen Steinwurf vom Autobahnkreuz A229 entfernt. See vor der „Haustür“, ein wenig spätkommunistischer Beton-Barock. Es sind alles Hotels, die ich von innen kenne. Es gibt genügend weitere – für jeden Geschmack und Geldbeutel. Wer mit dem Wohnmobil reist: Hinter dem Hotel gibt es einen schönen Stellplatz für ganz kleines Geld (inkl. Dusche/WC im Hotel und Grillmöglichkeit!)
Essen & trinken: „Herkules“ (Prospekt mira 105), „Britannika“ (Pub – uliza Karla Marksa 18), „Titanic“: Der Clou sind die Fensterplätze – man sitzt in freischwebenden Rettungsbooten! (Uliza Tschernjachowskaja 74) Weitere Möglichkeiten: Englisch.
Das einheimische Bier halte ich grundsätzlich für gut trinkbar. Es schadet nicht, mal ein „Ostmark“ zu probieren: Diese Biersorte kam bereits 1910 auf den Markt und wird seit 21 Jahren wieder nach dem deutschen Originalrezept gebraut. Der Wodka, der den Namen der Stadt trägt, ist legendär! Ein für die Stadt aktuell typisches Gericht gibt es in dem Sinne nicht – typisch ist alles, was russisch daher kommt. Wer noch nie Pelmeni aß, dem rate ich dazu ebenso wie zu Borschtsch. Fisch und Fleisch vom Grill sind fast durchweg empfehlenswert. Was man zu Königsberger Zeiten aß, probiert man besser in Deutschland.
Pizza, Döner & Burger gibt es wie anderswo auf der Welt auch. Auch Vegetarier müssen nicht darben.
Je weiter man sich aus dem Zentrum und von großen Hotel entfernt, umso besser und preiswerter wird nicht selten die Küche. Alles, was sehr westlich und international daher kommt, hat auch ebensolche Preise.
Nachtleben (für Teens und Twens): Für jeden Geschmack dürfte etwas dabei sein. Die Jugend feiert gern und viel. „Platinum“ (Techno-Musik – Uliza Dmitrija Donskogo 19), „Vagonka“ (ziemlich angesagt, aber nicht zentral gelegen – Stanochnaja Uliza 12). Es wird fast überall Eintrittsgeld zwischen 300 und 500 Rubel fällig – und am Türsteher muss man auch erst einmal vorbei! „Planeta“ (Uliza Tschernjachowskogo 26). Reifere Semester besuchen dann doch eher die Bars großer Hotels.
Internet: Man sollte auf WLAN in Restaurants und Hotels zurückgreifen. Die Roaming-Gebühren sind astronomisch. Eine (billige) russische Prepaid-Karte lohnt nur bei längerem Aufenthalt.
Die russisch-orthodoxe Christ-Erlöser-Kathedrale mitten im Zentrum ist ein Neubau!  Zur Grundsteinlegung kam 1996 der damalige Präsident Boris Jelzin, sein Nachfolger Wladimir Putin weihte die Kathedrale 2006 ein.  Mit 73 Metern ist es das höchste Gebäude Kaliningrads. In der Kathedrale finden mehr als 3.000 Menschen Platz.
Die russisch-orthodoxe Christ-Erlöser-Kathedrale mitten im Zentrum ist ein Neubau! Zur Grundsteinlegung
kam 1996 der damalige Präsident Boris Jelzin, sein Nachfolger Wladimir Putin weihte die Kathedrale 2006 ein. Mit 73 Metern ist es das höchste Gebäude Kaliningrads. In der Kathedrale finden mehr als 3.000 Menschen Platz.

Sicherheit: Ich gehe lieber des Nachts am Schlossteich in Kaliningrad spazieren als bei Tage in der Berliner Hasenheide oder im Brüsseler Stadteil Molenbeek. Diebstahl & Betrug sind nicht weiter verbreitet als anderswo auf der Welt auch. Wer dennoch wider Erwarten bestohlen, betrogen oder überfallen wird, kann sich eine Anzeige getrost sparen. Reine Zeitverschwendung.
Es gibt kaum ein russisches Auto, das nicht gelegentlich durch lautes Hupen kund tut, dass die Alarmanlage nicht richtig funktioniert. Über Nacht sollte deshalb auf bewachten Plätzen geparkt werden!
Der Platz des Sieges (Площадь победы) beherrscht das Zentrum von Kaliningrad. Früher hieß er Hansaplatz. Rundum befinden sich Banken, Einkaufszentren, Boutiquen  und die Stadtverwaltung.
Der Platz des Sieges (Площадь победы) beherrscht das Zentrum von Kaliningrad. Früher hieß er Hansaplatz. Rundum befinden sich Banken, Einkaufszentren, Boutiquen und die Stadtverwaltung.
Ein abendfüllendes Thema wäre die russische Polizei. Es kursieren ebenso viele erfundene, wie leider wahre Begebenheiten. Sich penibel an die Gesetze (besonders im Straßenverkehr!) zu halten, ist eine gute Voraussetzung, mit Uniformierten nicht in Kontakt zu kommen. Strafen fallen deftig aus; es gehört nicht viel dazu, mit freier Kost & Logis hinter vergitterten Fenstern Bekanntschaft zu machen. Drogen sind ein sicherer Weg dahin!
Ohne russische Bekannte oder männliche Begleitung kann ich jungen Frauen vom nächtlichen Disco-Besuch nur mehr als abraten.
Schlusspunkt dazu: Geld nicht auf der Straße tauschen!
Bei der Ausreise: Ohne offizielle Genehmigung dürfen Ikonen nicht ausgeführt werden. Man sollte sich sehr zeitnah über die Zolbestimmungen des EU-Landes informieren, in das man aus Kaliningrad kommend einreist. Weder Polen noch Litauer verstehen bei Übermengen an Zigaretten, Alkohol oder Gold auch nur ein Fünkchen Spaß! Gegen den gelegentlich an der EU-Außengrenze veranstalteten Einreise-Stress ist das russische Ausreise-Procedere ein Kinderspiel.
Die Alte Börse von Königsberg, von 1870–1875 erbaut.
Die Alte Börse von Königsberg, von 1870–1875 erbaut.

Wann hat man in Russland – nicht nur in Kaliningrad – als Ausländer gewonnen? Nach 30 Reisen in den vergangenen mehr als 40 Jahren (davon 16 im letzten Jahrzehnt) würde ich die Frage so beantworten: Wenn man den Russen ohne Dünkel und höflich gegenüber tritt, halbwegs fließend Russisch spricht (also auch mатерные выражения versteht!) und 100 Gramm selbstgebrannten Wodka hustenfrei bewältigt. Wenn man Putin, Lenin und Peter I. nicht verwechselt. Wenn man mehrere Stunden eine russische Sauna (баня) samt essen & trinken aushält. Wenn man gut singen – vielleicht sogar tanzen – kann (wer Калинка, Катюша oder Чебурашка singen kann, hat gewonnen). Wer vor 1975 geboren ist, und mit Tschingis Aitmatow, Wladimir Wyssozkij oder Bulat Okudschawa etwas anfangen kann, punktet in Russland auch immer.
Sehr zum Verständnis könnte im Vorfeld einer Reise beitragen, sich ein wenig in ostpreußischer Historie zu belesen. Agnes Miegel (Alt-Königsberger Geschichten) zu kennen, schadet ebenso wenig wie Kindheit in Ostpreußen von Marion Gräfin Dönhoff.
Egal, zu welchen politischen Zeiten in Russland:
Noch immer funktioniert am besten das System „зис“ (знакомства и связи – Bekanntschaften und Beziehungen). Geld ist nicht die erste Währung! Das passende Sprichwort dazu lautet in Russland: „Не имей сто рублей, а имей сто друзей.“ (Frei übersetzt: Habe lieber hundert Freunde als hundert Rubel.)
Ich handele stets nach der Maxime: Wisse stets alles, was du schreibst – aber schreibe nie alles, was du weißt. Für Fragen: Mail genügt.
Wer mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist: Einheimische Auto- vor allem aber Lkw-Fahrer eröffnen gern auch mal eine Fahrspur mehr als eigentlich vorgesehen ist. Wer größer ist gewinnt und hat Vorfahrt. Rücksicht wird allzu gern weder gewährt noch erwartet.  Zu den "Stoßzeiten" ist äußerste Vorsicht geboten.
Wer mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist: Einheimische Auto- vor allem aber Lkw-Fahrer eröffnen gern auch mal eine Fahrspur mehr als eigentlich vorgesehen ist. Wer größer ist gewinnt und hat Vorfahrt. Rücksicht wird allzu gern weder gewährt noch erwartet. Zu den „Stoßzeiten“ ist äußerste Vorsicht geboten.

One thought on “HALB-ZEIT in Kaliningrad

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.