Zeitig reisen, weise sein!

In die Toskana kann man auch mit dem einen oder anderen Zipperlein noch reisen (Foto: Dom in Siena)

In die Toskana kann man auch mit dem einen oder anderen Zipperlein noch reisen (Foto: Dom in Siena)

Jeder kennt sie: Sie waren am mallorquinischen Ballermann, am Ostseestrand, in Paris oder in Südtirol. “Und wenn ich im Ruhestand bin, dann schaue ich mir die große weite Welt an.” So oder ähnlich könnten viele Beispiele angeführt werden. Beispiele dafür, dass längere Reisen in die Ferne auf viele magisch anziehend wirken. Aber auch Beispiele dafür, all die Pläne dafür immer aufs Neue vor sich her zu schieben.
Ob ich als Rentner noch stundenlang in der Holzklasse fliegen möchte, um dann mehrere Tage mit dem Boot durch den Dschungel von Borneo zu fahren? Zweifel sind mehr als angebracht. Solche Reisen sollte man dann unternehmen, wenn man (noch) fit ist! Zumal nicht davon auszugehen ist, dass solche Touren billiger werden ...

Ob ich als Rentner noch stundenlang in der Holzklasse fliegen möchte, um dann mehrere Tage mit dem Boot durch den Dschungel von Borneo zu fahren? Zweifel sind mehr als angebracht. Solche Reisen sollte man dann unternehmen, wenn man (noch) fit ist! Zumal nicht davon auszugehen ist, dass solche Touren billiger werden …

Ich erinnere mich gut an einen Thüringer Altersgenossen, der vor zwei Jahren von seiner kurz bevorstehenden ersten Reise über den großen Teich nach Südamerika schwärmte. Ein ehemaliger Kollege von ihm war dorthin ausgewandert. “Wenn sich alles so darstellt wie er es erzählt, dann bin ich auch weg.”
Sein erstes Glück in der Ferne währte gerade einmal vier Tage, dann zwang ihn ein bis dahin unentdeckter Gehirntumor zur Heimreise im Ambulanzflieger. Vier Monate später haben wir ihn beerdigt.
Wie oft begegnen mir Senioren samt Rollator in südeuropäischen Gefilden und jammern, welche Ziele anzusteuern ihnen inzwischen unmöglich ist. Sie wären sehr gern auf Safari, in Grönland oder in den Anden gewesen und am Geld mangelte es in ihrem Leben nie. Zu spät. Vorbei. Schade.
Tragische Beispiele für die Richtigkeit der Volksweisheit (Wilhelm Busch zugeschrieben):

Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele:
Freuden, Schönheit und Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur.
Darum, Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!

Die “Argumente” für den Aufschub sind so zahlreich wie die Menschen selbst: “Die Kinder sind noch zu klein”, “zu wenig Zeit”, “wenn mal mehr Geld da ist” oder “als Rentner geht es dann richtig los”. Ja, es gibt auch objektive Gründe, Reisen zu aufzuschieben. Gähnende Leere in der Kasse ist oftmals das entscheidende Argument gegen die Verwirklichung von Reiseträumen.
Aber man muss sich schon entscheiden, ob die neue Küche (wo die alte gerade einmal zehn Jahre alt ist) wichtiger ist als eine Langzeitreise, von der man jahrelang zehren kann. Wer mit schmalem Geldbeutel auf Neuwagen zugunsten eines Gebrauchten verzichtet, hat gewiss stets eine erkleckliche Summe in der Reisekasse. Und wer mit dem Guesthouse statt des Fünf-Sterne-Tempels vorlieb nimmt, kommt auch ans Ende der Welt.
Wer auf Standortreiseleiter, Tour-Guides und sonstige dienstbare Geister verzichten kann, wird sich schnell ein paar Reisewünsche mehr erfüllen können.

Eine Auszeit auf dem Jakobsweg tut Körper und Geist gleichermaßen  gut.

Eine Auszeit auf dem Jakobsweg tut Körper und Geist gleichermaßen gut.

Um nicht missverstanden zu werden: Wer auch mit 60 nicht bereut, in jungen Jahren am Ballermann die Kreditkarte zum Glühen gebracht zu haben – ist ein glücklicher Mensch. Wer jammert, was er/sie statt dessen alles anderswo auf der Welt hätte sehen und erleben können, ist ein armer Tropf. Entscheiden muss man sich – täglich aufs Neue, wenn einen das Fernweh packt.
Wenn ein Mittvierziger mit noch nicht bezahltem Eigenheim seine Weltreise verschiebt – vernünftig. Wenn ein Twen nach dem Studium seine Weltreise trotz ausreichender Mittel verschiebt – dämlich. (Wer eine wirklich gute Ausbildung hat, bekommt auch nach der Reise noch (s)einen Job.)
Einige persönliche Hinderungsgründe: Ich würde mir gern die faszinierende Bergwelt Pakistans anschauen. Aber die mögliche Rückreise im Zinksarg ist es mir nicht wert. Auch eine Reise in die Antarktis fände ich reizvoll. Aber für den Gegenwert dessen, was eine solche Reise kosten würde, kann ich locker ein Jahr in Südostasien verbringen – und zöge Thailand oder Laos allemal vor.
Ich plädiere dafür, die Eisen stets dann zu schmieden, wenn sie heiß sind. Drei Beispiele aus den letzten zehn Jahren:
Wir wollten nach 2006 (Amboseli-Nationalpark) eigentlich nicht wieder nach Kenia. Durch die sich abzeichnende Pleite eines Schweizer Veranstalters purzelten jedoch im Mai 2008 die Safari-Preise derart in den Keller, dass wir dem Vorsatz untreu wurden. Wir haben die Masai Mara nie bereut! Wir haben dort endlich die Big Five aus nächster Nähe gesehen. Es gab nur diesen schmalen Zeitkorridor, wir hätten den Verzicht ewig bereut. Heutzutage wäre Kenia kein Thema (mehr).

Wir wollten nach 2006 (Amboseli-Nationalpark) eigentlich nicht wieder nach Kenia. Durch die sich abzeichnende Pleite eines Schweizer Veranstalters purzelten jedoch im Mai 2008 die Safari-Preise derart in den Keller, dass wir dem Vorsatz untreu wurden. Wir haben die Masai Mara nie bereut! Wir sahen dort endlich die Big Five aus nächster Nähe. Es gab nur diesen schmalen Zeitkorridor, wir hätten den Verzicht aus Sparsamkeitsgründen ewig bereut. Heutzutage wäre Kenia allerdings kein Thema (mehr).

Ebenfalls 2008 steuerten wir Brunei an. Der Nationalfeiertag in Bandar Seri Begawan war ein Erlebnis. Unter den derzeit gegebenen politischen Verhältnissen wird uns das Land kein zweites Mal sehen.

Ebenfalls 2008 steuerten wir Brunei an. Der Nationalfeiertag in Bandar Seri Begawan war ein Erlebnis. Unter den derzeit gegebenen politischen Verhältnissen wird uns das Land kein zweites Mal sehen.

Zwischen 2009 und 2013 flogen wir mehrmals mit Fluggesellschaften aus dem Mittleren Osten gen Südostasien. Wir haben überall - u. a. 2009 in Bahrain (Foto) - einen ein- bis zweitägigen Stopover eingebaut. Heute würden wir nur noch Nonstop-Flüge buchen. Aber Doha, Nizwa oder auch Dubai gesehen zu haben, schadet nicht.

Zwischen 2009 und 2013 flogen wir mehrmals mit Fluggesellschaften aus dem Mittleren Osten gen Südostasien. Wir haben überall – u. a. 2009 in Bahrain (Foto) – einen ein- bis zweitägigen Stopover eingebaut. Heute würden wir nur noch Nonstop-Flüge buchen. Aber Doha, Nizwa oder auch Dubai gesehen zu haben, schadet nicht.

Seit den 1990er Jahren ist die Zahl der Länder, die ohne Gefahr für Leib und Leben bereist werden können, stark rückläufig. Den Traum, das Mittelmeer mit dem Campingbus zu umfahren, haben wir aufgegeben. Wir sind keine Angsthasen, aber auch nicht lebensmüde. Das viel zitierte Timbuktu haben wir auch gestrichen – so viel “Abenteuer” brauchen wir dann doch nicht!
Eines wissen wir jedenfalls sicher: Falls wir (hoffentlich in ferner Zukunft!) mal durch ein Alten- oder Pflegeheim rollen sollten, haben wir viel zu erzählen. Wenn wir dann “Ach, hätte ich bloß …” vernehmen, werden wir müde lächeln und uns Kopfhörer in die Ohren stecken, um laut “Baby, we were born to run” zu hören. Wir finden:
Die beste Altersvorsorge sind schöne Reise-Erinnerungen!
Die macht man am besten, bevor man alt ist.
Jeder sollte sich von seinen Interessen und Vorlieben leiten lassen. Wir haben ohne großes Budget Malta gesehen. Es schadet nicht, aber es reißt auch nicht vom berühmten Hocker. Andere Reisende sind in die Insel verliebt. So verschieden sind die Geschmäcker.

Jeder sollte sich von seinen Interessen und Vorlieben leiten lassen. Wir haben ohne großes Budget Malta gesehen. Es schadet nicht, aber es reißt auch nicht vom berühmten Hocker. Andere Reisende sind in die Insel verliebt. So verschieden sind die Geschmäcker.

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