Trinkgeld auf Kreuzfahrten

Kreuzfahrten – auf Flüssen oder auf den Weltmeeren – werden immer beliebter. Ein altes Thema bleibt: Das Trinkgeld. Ich habe mir mal erlaubt, allen potenziellen Kreuzfahrern einen „Liebebrief“ zu schreiben, der sich auch in Krokodile am Buffet findet:AIDALieber Kreuzfahrer, ich komme zu einem sehr schmerzlichen Thema, dem Trinkgeld. Es geht an dein Bestes, deinen Geldbeutel! Wie oft hast du schon darüber gegrübelt, dass dir Reedereien mit Service-Entgelten etwas ganz Übles einreden wollen? Wie oft geisterte bereits das böse Wort Abzocke durch dein geistiges Oberstübchen?
Ja, beim Trinkgeld auf hoher See oder anderen Gewässern bist du – wie die meisten Teutonen – peinlichst berührt. Wie viele andere Passagiere hältst du Richtwerte und Empfehlungen für eine bodenlose Gemeinheit. Von Zwang oder gar Erpressung sprechen du und deinesgleichen gern und oft. Dass sogar Juristen zuweilen an der Rechtmäßigkeit dieser Praxis zweifeln, ist dir wohl bekannt. Also muss doch was dran sein?
Du schimpfst schon bei der Buchung, es handele sich um neumodische Unsitten? Pustekuchen, mein Lieber! Zwangstrinkgeld hat eine viel längere Geschichte, als du glauben magst. Das Thema war bereits zu einer Zeit aktuell als es weder dich noch Kreuzfahrtschiffe gab:
Schon im Jahre 1882 beschrieb der Göttinger Rechtsprofessor Rudolf von Jhering in seinem Aufsatz „Das Trinkgeld“ den Obolus für dienstbare Geister ganz allgemein als Unsitte und Unfug. Zwangstrinkgeld kritisierte er auch schon: Kutscher haben sich damals zusätzlich zum Fahrpreis noch ein bereits vorher fest vereinbartes Trinkgeld ausbedungen! Diese Methode ist also nicht neu, sondern recht alt.
Aber jetzt mal Butter bei die Fische! Mit dir fordern sehr viele KreuzfahrtPassagiere, dass die Gesellschaften auf Flüssen oder Ozeanen ihr Personal anständig bezahlen sollten. Was du genau darunter verstehst, verschweigst oder umschreibst du zwar vornehm, aber „anständig“ klingt halt so gut. All deine Argumente laufen unterm Strich darauf hinaus, die Besatzung wäre dann nicht (mehr) auf Trinkgelder angewiesen. Doch jetzt sei mal ganz ehrlich: Du entscheidest dich doch nach dem Katalog-Preis für oder gegen eine Reise!
Nebenkosten kannst oder willst du doch nicht wirklich sehen! Der schlagartig höhere Kreuzfahrtpreis im Vergleich zu Anbietern, die diese Kosten nicht in den Grundpreis einkalkulieren, wäre offensichtlich. Du würdest am Ende eben- so viel zahlen – aber woanders buchen! Oder willst du kleiner Schelm ernsthaft bezweifeln, dass Trinkgelder das Personal zu besserem und freundlicherem Service motivieren können?
In dieser unseligen Debatte springen dir inzwischen auch einige Juristen bei. Sie monieren, dass zwangsweise an Bord erhobene Servicegebühren eigentlich in den ursprünglichen Reisepreis eingerechnet werden müssten, weil sie fester Bestandteil des Reisepreises seien. Es gibt bereits Gerichtsurteile, die darauf verweisen, dass „ServiceGebühren“ ähnlich groß und auffällig wie der Reisepreis selbst ausgewiesen sein müssen. Kleingedrucktes verbietet sich also. Sei beruhigt: Es geht (fast) immer mit rechten Dingen zu.
Aber oftmals werden Reedereien schon dafür gescholten, dass sie ein von dir so geliebtes Hintertürchen offen halten: Bei nachweislich nicht oder nicht vollumfänglich erbrachten Serviceleistungen darfst du den Zwangsobolus von deiner Bord-Rechnung wieder streichen oder zurückbuchen lassen.
Bevor du jedoch genau dies tust, sei das, was du auch von anderen erwartest: Fair und gerecht. Beanstandungen trägt man in jedem Fall sofort und nicht erst am letzten Tag vor. Egal, wie die Trinkgeld-Regelung auf deinem Kreuzfahrtschiff aussieht – automatische Abbuchung vom Bordkonto oder nur pro Tag-Empfehlungen: Lass deinen Unmut nicht an den dienstbaren Geistern aus, du würdest nur den Sack prügeln, nicht den Esel!
Die Lohnpolitik der Reedereien beeinflusst du damit nicht! In den allermeisten Fällen kommt deine Service Charge tatsächlich dem Personal zugute. Falls du da berechtigte Zweifel haben solltest: Für eine Beschwerde ist nur die Reederei der richtige Adressat.
Die meisten bösen Gedanken befallen dich, wenn du einen Trinkgeld-Umschlag vor dem Ausschiffen in die Hand gedrückt bekommst oder dieser sich in deiner Kabine findet. Denn wie viele andere siehst du das Trinkgeld als Obolus für eine individuelle Leistung, beispielsweise deiner Kabinen-Stewardess oder deines Kellners. Sie waren fleißig, sie waren um dich bemüht, sie waren während des gesamten Törns freundlich zu dir.
Nimm rückblickend nicht nur das wahr, was du auch gesehen hast! Oder glaubst du wirklich, die vielen Menschen unter Deck oder in der Küche faulenzten den lieben langen Tag? Irgendjemand muss ja wohl dein frisches Bettzeug gewaschen, deinen Anzug gebügelt und das Essen gekocht haben, das du freundlich und fix serviert bekamst. Genau diese Menschen bringst du mit deiner Knauserigkeit um ihren verdienten Lohn!
Auch beim Kreuzfahrt-Trinkgeld gilt: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Du wirst stets vorher erfahren können, was du hinterher zahlst. Einige Reedereien haben die Service Charge bereits in ihre Preise inkludiert. Extra zahlst du also nichts mehr – aber ob du weniger bezahlst als anderswo? Rechnen zu können, kann sich also auch lohnen, Pfennigfuchserei vergällt dir nur die schönste Zeit des Jahres.
Wie es an anderen Orten im Urlaub mit dem Trinkgeld aussieht, verrate ich dir später einmal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.