Rostbratwurst & Rostbrätel

Es sieht nicht schön aus, sollte auch nicht passieren: Aber eine aufgeplatzte Rostbratwurst beeinträchtigt den Geschmack nicht.

Es sieht nicht schön aus, sollte auch nicht passieren: Aber eine aufgeplatzte Rostbratwurst beeinträchtigt den Geschmack nicht.

Thüringen hat durchaus auch über seine Klöße hinaus (wenn sie nicht von Fritz im Topf versungen werden!) kulinarisch einiges zu bieten. Egal, ob es draußen 30 Grad im Schatten oder 15 Grad Frost sind: Rostbratwurst & Rostbrätel haben immer Konjunktur.
Nein, in Thüringen wird nicht gegrillt – sondern gebraten (reinhören). Auf dem Rost! Erst einmal soll es um die (Rostbrat)Wurst gehen:
Die Rostbratwurst hat in Thüringen eine jahrhundertealte Tradition. Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung findet sich im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt in einer Abschrift der Propstei-Rechnung des Arnstädter Jungfrauenklosters von 1404. Dort heißt es wörtlich: „1 gr vor darme czu brotwurstin“ (1 Groschen für Bratwurstdärme). Das älteste bekannte Rezept lagert im Staatsarchiv Weimar. Das „Thüringisch-Erfurtische Kochbuch“ aus dem Jahr 1797 erwähnt auch eine geräucherte Variante.
In Holzhausen (Ilm-Kreis, ca. 22 km von der Landeshauptstadt Erfurt und 27 km von Gotha entfernt) befindet sich das 1. Deutsche Bratwurst-Museum.
Seit dem 6. Januar 2004 ist die Thüringer Rostbratwurst eine geschützte geografische Angabe (g.g.A.). Den Eurokraten wurde damit ein Stück Thüringer Kulturgut geopfert, denn ursprünglich mussten mindestens 51 % der verwendeten Rohstoffe für die Rostbratwurst aus der Region Thüringen stammen. Inzwischen reicht es aus, wenn lediglich eine der Herstellungsstufen (Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung) in Thüringen stattfindet.
Die Rostbratwurst wird aus Schweinefleisch, alternativ auch mit Kalbfleisch oder Rindfleisch, hergestellt. Typische Gewürze sind Salz, Pfeffer, Kümmel, Majoran und Knoblauch. Die Masse hat eine feine Struktur von maximal drei mm Körnung und wird in feine Schweinedärme oder Saitlinge abgefüllt. Laut EU-Verordnung ist sie „eine mindestens 15 cm lange mittelfeine Rostbratwurst im engen Naturdarm, roh oder gebrüht, mit würziger Geschmacksnote“. Die rohe Rostbratwurst muss noch am Tage der Herstellung gebraten werden!
Die gebratene Wurst nimmt ihren letzten Weg direkt vom Rost in eine aufgeschnittene Semmel, obenauf kommt Senf (möglichst Born-Senf!). Nur völlig Geschmacksgestörte essen eine Rostbratwurst mit Ketchup!!!
Ein Rostbrätel gehört auf den Rost - und anschließend sofort gegessen!

Ein Rostbrätel gehört auf den Rost – und anschließend sofort gegessen!

Wer lieber ein richtiges Stück Fleisch mag, dem sei als Haupt- oder Nachspeise ein Rostbrätel empfohlen. Es handelt sich dabei um eine marinierte Scheibe Schweinenacken, die über Holzkohle gegrillt wird.
Doch der Reihe nach: Ca. zwei bis drei Zentimeter dicke Nackenkoteletts (mit oder ohne Knochen) werden zuerst plattiert. Aus Pils oder Schwarzbier wird mit Zwiebeln, Knoblauch, Senf, Kümmel, Majoran, Salz und grobem schwarzem Pfeffer eine Marinade hergestellt, in der die Rostbrätel wenigstens 12 Stunden verbleiben sollten.
Vom Rost kam das Rostbrätel einst auf eine Scheibe Brot, inzwischen ist es nicht unüblich, das gebratene Fleisch auch in eine Semmel zu legen.
Daran erkennt man Thüringer Rost-Barbaren – und sollte schnurstracks zum nächsten Rost laufen:
In Griffnähe des Rost stehen Wasser oder Bier bereit, um auf Rostbratwürste oder Rostbrätel regelmäßig gespritzt zu werden. Es gibt nur noch eine größere Unsitte (siehe Punkt 2)! Wird Bier oder Wasser während des Garprozesses übers Fleisch gekippt, verbessert es den Geschmack nicht! Da geht nichts ins Fleisch über, auch wenn Deppen das immer wieder kolportieren! Hinzu kommt, dass die Flüssigkeit in die Glut tropft, die Temperatur sich verringert und fast immer Asche an Wurst oder Fleisch gelangt.
Regel 1: Bier am Rost ist nur zum Trinken da – nicht zum Verspritzen!
Regel 2: Neben (oder gar auf) dem Rost steht eine Pfanne oder ein Topf mit Deckel. Ein sicheres Anzeichen, dass man sich schnell entfernen sollte! Gut Ding will Weile haben, Geduld zahlt sich aus! Auf Vorrat zu braten schadet dem Geschmack erheblich. Die frisch gebratene Rostbratwurst mutiert in wenigen Minuten im Topf zum „Leichenfinger“. Der Saft aus dem Rostbrätel setzt sich im Topf ab, das Fleisch wird trocken und zäh.
Die schlimmsten Unholde der Bratgilde aber legen einmal im Topf Befindliches wieder auf. Kulinarische Verbrecher erkennt man daran, dass neben dem Rost zum „Aufwärmen“ eine Mikrowelle steht. Eine echte Schande für die Zunft!
Regel 3: Man isst eine Rostbratwurst oder ein Rostbrätel frisch vom Rost – oder gar nicht. Am besten ist es, beim Braten zuzusehen und Rostbratwurst oder Rostbrätel dann vom Rost nehmen zu lassen, wenn es einem selbst gut genug erscheint.
Regel 4: Ein solide Rostbratwurst sollte bei ehrlichen Thüringern für nicht mehr als 2 Euro zu haben sein, ein Rostbrätel sollte 3,70 Euro nicht übersteigen. So gut können beide gar nicht sein als dass sie mehr Geld wert wären.
Regel 5: Wenn Rostbrätel oder Rostbratwurst in einer Gaststätte auf der Speisekarte stehen: Stets hartnäckig nachfragen, ob diese nicht doch aus der Pfanne kommen.
PS: Noch eines, lieber hungriger Fremder: Immer dann, wenn das Rostbrätel zuweilen Rostbrätchen oder die Rostbratwurst gar Roster genannt wird – da sind keine wahren Thüringer zugange.
PPS: Selbst auf die Gefahr hin, erschlagen zu werden oder einem Shitstorm anheim zu fallen: Auf alles, was mit Thüringer hausschlachtener Wurst, Rostbrätel und Bratwurst zu tun hat, versteht man sich nördlich der BAB 4 und östlich der BAB 9 sowieso nicht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.