Presseausweis? Nein, danke!

Presseausweis Rückseite 2007Es war einmal die gute alte Zeit, die 2008 endete. Bis dahin gab es eine Vereinbarung zwischen der Innenministerkonferenz der Länder und vier Journalisten- bzw. Verleger-Verbänden (DJV, dju, BDZV, VDZ), die die Ausstellung eines so genannten „bundeseinheitlichen Presseausweises“ regelte. Ein entsprechender Passus zierte die Rückseite (Foto). Das schloss lange aus (Ausnahmen bestätigten die Regel), dass jeder Depp, der einen Stift halten konnte, mit einem Presseausweis herum lief. Inzwischen torkeln mitunter Gestalten, die selbst den Stift nicht gerade halten können, mit einem Presseausweis durch die Lande und geben sich als Mrs. oder Mr. Wichtig.
Schauen wir uns doch mal bei Lichte an, wozu der Presseausweis heutzutage gut sein soll oder kann. Um generell eine hauptberufliche journalistische Tätigkeit (und um nichts anderes geht es!) nachweisen zu können, ist es beileibe wichtiger, was und für wen man schreibt. Gegenüber vielen Behörden mag die Scheckkarte gelegentlich Sinn machen, wenn man sich Zutritt oder Informationen verschaffen möchte.
Für den Zugang zu vielen Messen, Pressekonferenzen, Veranstaltungen (etc.) ist eine Akkreditierung allemal wichtiger als ein Presseausweis (der selbige nicht zwingend erleichtert).
Das Presseschild fürs Auto berechtigt übrigens weder zum Überschreiten irgendwelcher Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung oder anderer gesetzlicher Vorschriften! Es kann aber gut sein, dass es als „Einladung“ an Autoknacker missverstanden wird, einfach mal nachzuschauen, ob sich vielleicht in einem derartigen Fahrzeug teure Foto-, Video- oder sonstige wertvolle Ausrüstung befindet.
Einstmals diente der Presseausweis vielen Pfennigfuchsern als „Rabatt-Karte“. Die Liste der Rabatte ist noch immer lang – auch und gerade in den Bereichen, die für Reisende attraktiv sind. Da aber ohnehin die Zahl derer beständig wächst, die Reisen schnorren „unterstützen“ lassen, ist die Bedeutung eines Presseausweises also marginal. Btw: Was ist ein Rabatt von 20% auf den Basispreis denn noch wert? Einige Mouse-Clicks weiter gibt es mannigfaltig ganz regulär fast immer günstigere Preise, wenn man denn flexibel ist.
Um es kurz zu machen – und dann die Kurve zum Reisen zu bekommen: Vor 25 Jahren hatte der Presseausweis wenigstens noch eine Größe, die notfalls dazu geeignet war, sich den Allerwertesten abzuwischen. Heute taugt er nicht mal mehr dazu! Nicht für Journalisten, nicht für Blogger, nicht für Reisende.
Richtig (aber)witzig wird es, wenn Reisende glauben, sich im Ausland mit dem deutschen (oder internationalen) Presseausweis Vorteile verschaffen zu können. Meistens ist das Gegenteil der Fall. Es reicht bereits für wirkliche Presseleute, die entsprechende Frage (schriftlich oder mündlich) nach dem Beruf mit „Journalist“ oder „Fotograf“ wahrheitsgemäß zu beantworten, um die ganz besondere Aufmerksamkeit seiner Gastgeber zu erfahren. Angenehm wird sie nicht werden!
Selbst im wunderschönen Südostasien empfiehlt sich ein Presseausweis nicht im Reisegepäck. Zuviel Missverständnisse könnten entstehen. Wer dort wirklich journalistisch arbeiten will und muss, hat eine Akkreditierung und/oder ein Arbeitsvisum. Wer als Tourist einreist, hat sich derlei Aktivitäten tunlichst zu enthalten – oder muss im Zweifel die unschönen Konsequenzen tragen.
Nicht wenige schöne Fleckchen Erde, an die man gerne reist, werden von knallharten Diktatoren regiert, die sich über mediale Aufmerksamkeit sehr „freuen“. Wer sich in gar nicht so weit entfernten Gegenden der Gefahr einer Entführung oder Inhaftierung aussetzen möchte, sollte seinen wie auch immer gearteten Presseausweis möglichst oft herumzeigen. Für viele mittel- und südamerikanische Staaten trifft dies ebenso zu wie für den arabischen Raum und Schwarzafrika. Wenn potenzielle Entführer dort nicht wissen, welcher Ausländer sie sich als nächstes bemächtigen sollen, nehmen sie im Zweifel den echten oder vermeintlichen Pressevertreter.
Ein Presseausweis macht im Ausland weder wichtig, noch interessant – sondern allenfalls suspekt.
Wer den Presseausweis jetzt noch immer für eine gute „Geschäftsidee“ hält, möge hier nachlesen.
PS: Ich war selbst als Reporter lange genug im In- und Ausland (auch in Krisengebieten) unterwegs. Mitunter war der Presseausweis in deutschen Landen hilfreich. Bei Auslandsreisen habe ich vor Abfahrt oder Abflug alles Mögliche vergessen. Den Presseausweis daheim in die Schublade zu stecken, gehörte nicht dazu.
Ein folgenschwerer Fauxpas passierte mit trotzdem: Bei der Einreise in eine arabische Diktatur habe ich in den 1990er Jahren die Frage nach dem Beruf wahrheitsgemäß beantwortet. Seitdem nie mehr wieder. Denn die darauffolgenden Tage waren meine Begleiter und ich zwar wohlbehütet – aber es wäre gut verzichtbar gewesen.

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