„Krokodile am Buffet“

Ich habe im vergangenen Jahrzehnt die endlosen Gespräche mit Hoteliers ebenso wenig gezählt wie die mit touristischen Dienstleistern von Animateuren, über Busfahrer, Flugbegleiterin bis hin zu Kabinen-Stewards und Reiseleitern. Das Resultat – so hoffe ich – ist ein Sitten-Gemälde des „Idealbilds“ eines deutschen Pauschal-Terroristen.
Für die Idee zum Buchtitel bedanke ich mich herzlich bei einem Schweizer Hotelier. Ich hoffe, dass ab Mai möglichst viele das Wort „Ratgeber“ im Untertitel nicht wirklich ernst nehmen!
Die vielen Episoden, die enthalten sind, kann kein noch so krankes Hirn erfinden – diese kann nur das Leben selbst schreiben.
Leseprobe aus „Krokodile am Buffet. Ratgeber für Pauschal-Terroristen“
stylisch
Sie lieben ihren heimischen Balkon, die Schrankwand in der guten Stube, die Jogginghose beim Fernsehen, den gartenzwergverzierten Schrebergarten und den trauten Wackeldackel samt umhäkelter Klopapier-Rolle auf der Hutablage des Autos.
Doch wehe, sie gehen auf Reisen! Dann mutieren Biedermann und -frau schnell für Tage oder gar Wochen zu Pauschal-Terroristen. Ihnen ein möglichst hässliches Denkmal zu setzen, ist längst überfällig: Zur Abschreckung, zur Mahnung und zur Erinnerung
Wenn diese sagenhafte Spezies die trauten vier Wände erst einmal zwei Stunden hinter sich gelassen hat, dann ist Benimm wie Rotz am Ärmel ihr Knigge. Einmal auf die große weite Welt losgelassen und von Orts- und Landeskenntnis sowie von polyglottem Wesen völlig befreit, torkeln sie dann von Alaska bis nach Feuerland, von Andalusien bis zum Nordkap und von Flensburg bis ins Allgäu.
Sie fühlen sich wie Eroberer fremder Länder und hausen doch weiland wie Hunnenkönig Attila. Zwar haben einige von ihnen ein halbes Dutzend Reiseführer gelesen – aber leider selten etwas verstanden. Das liegt selten am Nicht-Können, sondern vielmehr am Nicht-Wollen.
Der deutsche Pauschal-Terrorist tourt am liebsten in einer größeren Gruppe durch die Welt. Bevorzugt buchen jedoch diejenigen eine Gruppenreise, die am wenigsten dafür tauglich sind. Sie verwechseln den Begriff „Gruppenreise“ gern schon mal mit „betreute Reise“.
Weder sind sie in der Lage, ihre Hörgeräte richtig zu justieren noch haben sie vor Reiseantritt ihre 6-Dioptrien-Brillen beim Optiker prüfen lassen. Wozu auch? Es scheint ja nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der sprichwörtliche Blindenhund für sie optional buchbar ist!
Nein, ich rede nicht von bildungsfernen Schichten auf Reisen. Auch die intellektuell Begüterteren lassen zuweilen gern einmal die berühmte Sau raus. Sie haben schließlich dafür bezahlt, alles zu bekommen. Auch das, was nicht gebucht wurde. Sie wissen vieles nicht, aber alles stets besser.
Ihr Credo lautet: All inklusive. Immer. 24 Stunden lang. Überall.
Wenn der deutsche Pauschal-Terrorist von den ihn umgebenden dienstbaren Geistern allzeit genügend gebauchpinselt wird und er selbst nie vergessen hat, pünktlich seine Pillen gegen den unvermeidlichen Bluthochdruck zu schmeißen, kann er sogar gelegentlich freundlich sein.
Aber nur bis zum letzten Tag. Dann verkriecht er sich entweder in sein Hotelzimmer oder schreibt mit zittrigen Fingern am wackeligen Tisch im Flieger oder im Reisebus „Bewertungen“ über all das, was er nicht verstanden hat und auch nie verstehen wird.
Der Zeitpunkt ist nun gekommen, alles und jeden madig zu machen. Auch wenn diese Spezies am Buffet die Salatgabel nie von der Tortenzange unterscheiden konnte. Auch wenn viele trotz großem Piktogramm den Taster zum Spülen auf dem WC nie fanden.
Kein Koch, kein Kellner, kein Zimmermädchen, keine Rezeptionistin und weder Pilot noch Busfahrer sind vor ihrer vernichtenden Kritik gefeit.
Der deutsche Pauschal-Terrorist sucht Haare auch in Suppen, wo gar keine drin sein können. Notfalls reißt er sich ein Nasenhaar aus, um „Beweise“ führen zu können. Generalschuldige gibt es natürlich auch – meist sind es die Reiseleiter und Stadtführer.
Das eigentliche Reiseziel vieler Pauschal-Terroristen war und ist: Eine nachträgliche Reisepreis-Minderung um jeden Preis oder wenigsten ein Gutschein. Sein schizophrenes Wesen offenbart sich, wenn der Beschwerdeärger verflogen ist: Prompt wird beim gleichen Reiseveranstalter der nächste Trip gebucht.
Es ist an der Zeit, „Guste“ und „Guffi“ (so will ich die Alptraum-Gäste aller Reiseveranstalter nennen) auch einmal zu bewerten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch wenn die beiden Pauschal-Terroristen in Reinkultur im realen Leben so nicht vorkommen. Sie sind eine Summe aus sehr vielen – freundlich ausgedrückt – Eigentümlichkeiten einer Vielzahl Reisender.
Um vorweg nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich gibt es die übergroße Mehrheit der verständigen, aufgeschlossenen und notfalls auch einmal nachsichtigen Reisegäste. Ohne diese, noch immer die überwältigende Mehrheit stellende, aber zunehmend seltener werdende Spezies wäre kaum einem touristischen Dienstleister sein Job noch freudvoll möglich.

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