„Kein Schmerz, kein Ruhm“

bild (3)Der Gedanke, den Jakobsweg zu laufen, kam mir bereits mehrfach in den Sinn. Das erste Buch über den Jakobsweg habe ich von Bettina Selby gelesen – „Der Jakobsweg – mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela“. Okay, diese Frau ist ein bisschen verrückt und sie war mit ihrem Drahtesel bereits an Orten, die ich nicht einmal im aufgerüsteten Panzerwagen samt Begleitschutz betreten würde. Die nächste Lektüre war natürlich von Hape Kerkeling – „Ich bin dann mal weg“. Kerkeling passt dann schon eher zu mir: Ein Couch-Potato, jeden Wochentag auf einem Bürostuhl sitzend, ab und zu ein bisschen Sport, aber bitte nicht zu viel.
Mein Lebensgefährte überraschte mich vor einem Jahr mit den Worten „Wir gehen den Jakobsweg, ich habe die Flüge bereits gebucht“. Nicht den sattsam bekannten Camino Francés, sondern den Caminho Português. Er ist nicht so überlaufen und die Strecke durch Portugal und Galizien ist wunderschön. Bild 10Ich liebe Portugal! Die Menschen sind sehr zurückhaltend, stets höflich und freundlich und vor allem bringt sie nichts aus ihrer sprichwörtlichen ArschRuhe. Die Sprache werde ich wohl nie lernen, dafür trinke ich dann wohl zu selten und zu wenig. Die Landschaft zwischen Algarve und Galizien hat alles, was ich mir zum Leben wünsche, ausreichend Wald und Berge. Und dann ist da noch das Meer, die grandiose Atlantikküste. Müsste ich mich im Leben für eine neue Heimat entscheiden, so fiele die Wahl ganz sicher auf Portugal.
Die häufigsten Fragen, die mir in den vergangenen Monaten gestellt wurden: Ist der Jakobsweg auch etwas für mich? Ist das zu schaffen? Ich würde gern pilgern, bin mir aber nicht sicher, ob ich das wirklich machen soll? Kann ich als Frau allein gehen oder ist das zu gefährlich? In erster Linie fragten Frauen.
Meine Antworten: JA. Bild2
Jeder, der den Gedanken an den Jakobsweg in sich trägt, sollte diesen Weg auch gehen. Wie lange und welche Strecke: Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst herausfinden. Der Jakobsweg ist kein Wettbewerb. „Ich bin am schnellsten gegangen“ oder „ich habe die weiteste Strecke zurück gelegt“, sind fehl am Platze. Wer das schönste Wetter, den meisten Regen, das schwerste Gepäck oder die billigsten Herberge hatte, ist gleichfalls irrelevant. Außenstehende sind auch nicht daran interessiert, wer die größten Schmerzen überwand oder die meisten Visionen hatte. All diese Gedanken haben auf dem Camino nichts verloren!
Den Jakobsweg geht man für sich selbst! Und nur für sich! Natürlich wird dieser oder jener in ein Gebet eingeschlossen, die eine oder andere Kerze unterwegs entzündet. Jeder entscheidet, wen er gedanklich mit auf den Weg nimmt.
Dabei ist es egal, ob man nur 100 km geht, um in Santiago die Compostela zu erhalten oder sich selbst auf 1.000 km Weg überwindet.
„Hast du dein Leben danach verändert?“ Diese Frage wurde am häufigsten gestellt. Ich beantworte sie ganz klar mit Nein. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit meinem jetzigen Leben ganz zufrieden bin. Vielleicht sind es aber auch kleine Veränderungen, die mir jetzt noch nicht bewusst sind und die sich erst später bemerkbar machen. Ich lasse mich gern von der Zukunft überraschen.
Fernanda„Habt ihr die Unterkünfte auf dem Camino vorgebucht?“ Wieder ein Nein. Zumal man die Herbergen nicht vorbuchen kann – wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wie schon gesagt, ich lasse mich auch gern überraschen und habe kein Problerm damit, Zeit für die Suche nach dem passenden Quartier aufzuwenden. Außerdem sehe ich gern die Realität, Quartiere mag ich ebenso wenig vorbuchen wie schöne Fotos.
Wir hätten mit einer Vorbuchung nie am ersten Tag die Portugiesin Fernanda mit ihrer Familie kennen gelernt. Mir sind schon viele wunderbare Menschen auf all meinen Reisen über den Weg gelaufen, aber diese Frau und ihre Familie übertreffen alles. Ich kann es gar nicht in Worte fassen. So viel Herzlichkeit – und alles ohne finanziellen Hintergrund. Das habe ich vorher noch nie erlebt. Für die Unterkunft und Verpflegung in ihrer Herberge gibt jeder, was ihm gerade möglich ist und was er geben möchte. Muito obrigada, Fernanda.
„Kann ich diesen Weg als Frau alleine gehen?“ Diese Frage kann und will ich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten. Natürlich kann mir was passieren oder ich werde belästigt. Aber ich denke die Gefahr ist nicht größer als anderswo. Ich bin kein ängstlicher Mensch und hätte keine Bedenken, aber ich möchte nicht allein gehen.
Für mich gehört es dazu, dieses wunderschöne Gefühl mit einem lieben Menschen zu teilen. Wir haben uns oft tagelang auf der Strecke kaum unterhalten. Jeder hatte seinen Rhythmus und hing seinen Gedanken nach. Die Gespräche und der Gedankenaustausch am Abend (auch mit anderen Pilgern) waren dafür umso schöner, sehr interessant und oft auch lustig. Es ist schon bemerkenswert, dass Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, auf diesem Weg oft die gleichen Gedanken und Empfindungen haben.

Solche Wegabschnitte begegnen Pilgern auf allen Jakobswegen.  Es gibt wirklich Schöneres als dem Straßenverkehr ausgesetzt zu sein - aber es ist unvermeidlich.

Solche Wegabschnitte begegnen Pilgern auf allen Jakobswegen. Es gibt wirklich Schöneres als dem Straßenverkehr ausgesetzt zu sein – aber es ist unvermeidlich.

Dann ist noch die Frage, ist das für mich zu schaffen? Die Frage beantworte ich so: NUR FÜR DIE, DIE SCHMERZEN ERTRAGEN KÖNNEN! Ja, ich hatte jeden Tag Schmerzen und habe meinen Körper gestresst. Der innere Schweinehund läuft auch meistens mit. Man muss ihn stets aufs Neue besiegen.
Bild5Als ich in Santiago in einen kleinen Souvenirladen den Spruch las: „Kein Schmerz kein Ruhm“, dachte ich sofort, der Spruch wurde nur für dich geschrieben. In zig Sprachen übersetzt. Mir wurde sofort klar, es ist Tausenden von Pilgern vor mir genauso ergangen. Der Stolz, es geschafft zu haben, lässt das alles ganz schnell vergessen und ich war stolz auf mich oder besser auf uns.
Hattest du Visionen oder Erscheinungen? Nein. Ich bin ein eher sachlicher, realistischer Mensch. Trotzdem gab es etwas auf dem Camino, was ich mit Worten nicht beschreiben kann. Es hat mich beeindruckt, es war etwas Besonderes, es macht süchtig, es ist schön. Ich würde es mal so beschreiben: Absolute Zufriedenheit und Wohlbehagen.
Die Schmerzen sind vergessen, der Stolz und das Gefühl der Zufriedenheit sind noch da. Der nächste und bestimmt nicht der letzte Camino ist schon geplant.
Noch immer klingen mir die fröhlichen Zurufe unterwegs im Ohr:
Bom caminho und Buen camino.
Am Ziel - vor der Kathedrale in Santiago de Compostela.

Am Ziel – vor der Kathedrale in Santiago de Compostela.

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