In der Heimat der Kopfjäger (Teil 2)

Tag 6: Als wir um 7 Uhr aufstanden, ahnten wir noch nichts von den Tücken des Tages. Am Abend zuvor hatten wir einen Hawker gesehen, der Toast im Angebot hatte. Nach Reise in allen Variationen war jetzt ein Frühstück europäischer Art angesagt. Vielleicht. Toast war kein Problem, wohl aber, zu erklären, dass wir nicht „half boiled eggs“ wollten. (Dabei werden die Eier in heißes Wasser gelegt, aber nicht wirklich gekocht. Resultat: Alles unter der Schale ist wirklich nur halb gegart und das Eiweiß bleibt flüssig. Nicht jedermanns Sache also.) Letzten Ende klappte es dann. Beim Hawker gegenüber saß ein (der äußeren Erscheinung nach) älterer Herr europäischen „Zuschnitts“ der sich frühmorgens bereits ein Laksa-Süppchen schmecken ließ.
Pünktlich um 8 Uhr standen wir vor dem District Council, um unser Permit zu holen. Fehlanzeige! Wie man uns sagte, habe es das in diesem Gebäude noch nie gegeben, statt dessen müssten wir 15 Minuten mit dem Sammel-Taxi ans andere Ende der Stadt ins Resident Office fahren! Jetzt war guter Rat wirklich teuer. Sammel-Taxi heißt: Es fährt los, wenn es voll besetzt ist mit Fahrgästen, die alle in eine Richtung wollen. Und ins Office wollte an diesem frühen Morgen niemand! 50 Ringgit wollte der Fahrer für eine Extra-Tour. Das ist gegenüber dem Normalpreis von 1,50 Ringgit ein Horror-Preis, aber was sind schon 10,65 Euro gegen einen verlorenen Tag.
Die Hüter der Permits saßen im 9. Stock. Und waren Gottseidank schon ansprechbar. Eine junge, sehr gut Englisch sprechende Frau, erkennbar europäischen Ursprungs, auch. Während die Beamten mit unseren Pässen verschwanden, sprach uns die junge Frau in schönstem Deutsch – allerdings Schweizerisch gefärbt – an. Ihr Problem war unser Problem: Schaffen wir das Express-Boot um 9 Uhr noch? Natürlich nahmen wir sie mit. Wodurch sich unser Gesamtpreis auf 30 Ringgit ermäßigt. Kurios: Es werden immer weniger Ausländer, die in die „grüne Hölle“ fahren wollen. Unser (kostenloses) Permit hatte die Nummer 41/2008 – und das am 18. Februar.
Wohlweislich hatte man uns den Zugang zum Gebiet um Kapun verweigert, dort kann man derzeit keine (westlichen) Augenzeugen gebrauchen. Journalisten sowieso nicht. Nur so viel: Es entsteht dort ein gigantisches Wasserkraftwerk, wofür der Rajang auf einer Fläche, die der Stadt Hamburg entspricht, aufgestaut wird. So viel Strom braucht ganz Borneo nicht. Die Befürchtung der Ureinwohner, deren Behausungen zerstört werden: Es wird sich rund ums Kraftwerk die Aluminium-Industrie ansiedeln, mit dann unabsehbaren Folgen für die ganze Insel. Ein Thema, über das man nur hinter vorgehaltener Hand spricht.
Überpünktlich standen wir dann am Schiff gen Belaga. Und wer saß auf den Treppenstufen? Unser Laksa-Esser. Wie sich heraus stellte, hieß er David und kam aus dem englischen Brighton. Wir hätten einen jung gebliebenen 70-er aus ihm gemacht – er war erst 59! Tickets gekauft – und ab die „Fuhre“. Wie schon tags zuvor waren wir die einzigen Ausländer.
Das Wetter war prächtig – und so fuhren wir in Etappen auf dem Dach des Express-Bootes mit. Draußen zu sitzen war auch eine gute Gelegenheit, dem „Unterhaltungsprogramm“ eine Etage tiefer zu entkommen. Aber schon der Fotos wegen war die „Galerie“ angesagt! Lichtschutzfaktor 30 war angesagt. Und dennoch: Es waren bestimmt nur wenige Minuten zuviel, doch als ich das bekannte Brennen auf der Glatze spürte, war es bereits zu spät. Da half dann kein Piratentuch mehr. Die Sonne hatte – wir waren ja nur 100 km vom Äquator entfernt – ihr „Werk“ verrichet. Ein Sonnenbrand erster Güte. Es sollte eine unruhige Nacht werden.

Vorbei an Langhäusern, Stromschnellen, einem Luxus-Resort und Schulen ging es nochmals 130 km stromaufwärts. Wenn die klassische Trockenzeit ab April kommt, geht da mit Schiffsverkehr gar nichts mehr. Inzwischen wussten wir auch, dass die junge Schweizerin Olga hieß, bereits seit sieben Monaten unterwegs war und gerade aus Papua-Neuguinea kam. Respekt für eine allein reisende Frau! Unser Mr. David war dem Erzählen nach Indien-Fan und etwa den gleichen Zeitraum unterwegs wie wir. Im herrlichen Outfit. Hätte man ihn auf eine deutsche Baustelle gestellt, jeder Polier hätte ihn zum Arbeiten eingeteilt, den ehemaligen Lehrer. Abstrus: Der gute Mann konnte bei sengender Hitze lauwarmes Bier aus der Dose trinken. Ich dachte nur: Das muss doch abscheulich schmecken! Der Typ musste pervers sein! Später bekamen wir dann mit (eine Koryphäe also!), dass der Mann jede Brauerei der Welt und jede Biersorte zu kennen schien …

Da man sich zwangsläufig auf dem Schiffsdach mit mindestens einer Hand abstützt, ist ein weiterer Körperteil der Sonne zugewandt. Mich erwischte es so übel, dass ich unter Deck musste. Am Abend war die rechte Hand mit Blasen übersät, am nächsten Morgen war leider einiges offen. So blöd es klingt, angesichts von 32 Grad Außentemperatur: Man hätte leichte Handschuhe tragen sollen. Einziger Lichtblick: Kurze tropische Schauer.
Immer wieder legte das Boot an. Vom Ufer zum Langhaus ging es meist nur über Baumstämme aufwärts. Der Boden sieht zwar aus als sei es Fels, aber wenn man darauf tritt, wird es weich wie ein Kuhfladen. Man versinkt stellenweise bis zum Knie!!

Nach mehr als sechs Stunden Fahrt kamen wir in Belaga an. Nachdem wir samt Gepäck die vielen Stufen vom Ufer erklommen hatten, stand am Ende der Treppe ein junger Einheimischer, der mir sofort die Hand entgegenstreckte. Etwas perplex vernahm ich, dass sein Name Andreas war (wie sich später herausstellte, schrieb er sich allerdings auf Grund eines Hebammen-Fehler mit Doppel-D). Wir nahmen auf seinen Rat eine Bleibe gleich am Anleger in Augenschein – und befanden sie für gut. Als sei es das Selbstverständlichste der Welt – checkte unser englischer Begleiter bei Olga im Doppelzimmer ein. So weit nichts Ungewöhnliches, Kostenersparnis ist stets willkommen, aber dennoch.

Anschließend „inspizierten“ wir das Städtchen (4.500 Einwohner). Sofort fielen Hähne auf, die sehr gepflegt aussahen. Minuten später putzte ein Mann das Federvieh förmlich: Dusche, abbürsten usw. Mir schwante da etwas. Auf Nachfrage erklärte Anddreas dann, dass Hahnenkämpfe sehr populär seien. Na gut, das ist dann wirklich sehr speziell, wie unsere Olga gesagt hatte. Beim Abendessen dann debattierten wir das Programm der nächsten beiden Tage. Da wir sozusagen vom Himmel gefallen waren, verbot sich ein mehrtägiger „Überfall“ auf ein Langhaus von selbst. Die Menschen sollten sich keinesfalls vorkommen wie im Zoo. Anddreas hatte aber bereits vorsorglich in „seinem“ Langhaus angefragt, ob wir für ein paar Stunde willkommen wären. Sein „Schlachtplan“: Wir fahren mit dem Langboot stromaufwärts, besuchen die Kenyah und dann die Kayan. Da die Zeit der Reisernte war, wollten wir zudem auf zwei Felder, um zu sehen, welch mühseliges Geschäft es ist, für ein ganzes Jahr Trockenreis zu ernten. Diese Einladung nahmen wir gerne an, zumal die Reisbauern uns zum Mittagessen einladen würden. Ein kühles Bad im Wasserfall sollte den Tag dann beenden.

Am darauf folgenden Tag wollten wir dann mit einem Geländewagen ca. 65 Kilometer quer durch den Dschungel und dann weiter zur Hauptstraße fahren, um dort mit dem Bus gen Batu Niah weiter zu reisen. Fromme Pläne, aber die Realität sollte anders kommen. Wir hatten längst beschlossen, mit unserem Engländer keine Demokratie-Spielchen zu machen. Also: Tagesablauf beschlossen – und verkündet. Zwei kühle Bierchen und dann ab zum Matratzen-Horchdienst.
Tag 7: Heute geht´s nun endlich los: Nicht mehr nur unterwegs, sondern dem Ziel ein Stück näher. Hohe Schuhe oder Sandalen? Was werden Mücken und Blutegel und Schlangen wohl zu unserem Erscheinen sagen? Wir entscheiden uns für Sandalen und ausgiebig Mückenmittel auf der Haut und den Klamotten. Schwarzer Kaffee und ein Biskuit können den Magen nicht wirklich glücklich machen, egal. Anddreas grinst nur, als er uns „Vierer-Bande“ über die Baumstämme eher tänzeln als laufen sieht. Das Boot liegt am Ufer, ein zweiter Mann ist nun auch dabei, der erst einmal ans Ruder geht. Schwimmwesten werden ausgeteilt – und als Sitzkissen auf dem harten Holzboden genutzt. Für die meisten „locals“ sind die Westen (über)lebensnotwendig – denn sie können nicht schwimmen!!

Der 46-PS-Motor heult ohrenbetäubend auf – und das Langboot hebt seinen Bug und schießt stromaufwärts. Kaum zu glauben, dass diese Nussschale rasante Geschwindigkeiten entwickeln kann. Nach ca. 12 Kilometern Fahrt landen wir unterhalb eines Langhauses. Hier in der Region leben Kenyah seit Jahrhunderten, das Langhaus wurde aber erst 1976 errichtet. Sogar eine Treppe führt statt Baumstämmen nach oben. Tour-Profi Anddreas ist jetzt in seinem Element und gibt einen historischen Abriss des Lebens im Langhaus. Jedes Buch ist dagegen ein Dreck! Interessant zu erfahren, dass sich die Lebensweisen von Iban, Kenyah, Kayan und vielen anderen Stämmen eben doch unterscheiden. Nur sieht das durch die europäische Brille nicht sofort so aus.


Die meisten älteren Frauen sind stark tätowiert, vor allem an den Unterarmen und Händen. Auch die Ohrläppchen (ähnlich sieht es bei den Massai in Kenia aus) wurden künstlich in eine andere Form gebracht. Und alle Frauen (die Männer sind auf Arbeit, die größeren Kinder im Schulinternat) drehen wie wild Zigaretten. Sie sehen aus wie „Tüten“, die man sich üblicher Weise in einer drittklassigen Amsterdamer Kneipe baut. Es ist kein richtiger Tabak, der da eingerollt wird – aber auch wirklich kein Rauschmittel! Irgendwelche getrockneten Blätter aus dem Regenwald. Als Nicht-Botaniker kann Anddreas da auch nicht wirklich weiter helfen.

Dann wurde es für meine Damen-Begleitung ernst: In eines der Häuser wurden wir eingeladen – und es kam Reis-Wein auf den Tisch – nein, auf den Boden. Wir setzten uns artig nieder und stießen gemeinsam an. Bei Wein denke ich stets an maximal 16 Vol. Alkohol. Aber das war kein Wein, das war Strohrum! Das war sprichwörtlich Teufelszeug! 45 „Umdrehungen“ mindestens. Da konnte man wirklich nur nippen und schnell mit Kaffee nachspülen. Ich habe dann nicht probiert, ob ich aus der Nasen-Flöte des Kenyah-Mannes einen Ton heraus bekomme!

Man muss sich das Langhaus vorstellen wie ein überlanges Gebäude auf Pfählen, mit einem ellenlangen überdachten Flur. Von diesem Flur gehen dann die Wohnungen ab. Der Chef des Langhauses wohnt in der Mitte, die Rangniederen entsprechend weit von ihm weg. Tagsüber spielt sich das Leben fast nur auf dem Flur ab. Wer dort übernachten möchte, sollte eines bedenken: Unverheiratete männliche Gäste schlafen draußen – nur Verheiratetete und ledige Frauen dürfen drinnen übernachten! Auch große Kinder hören gerne Märchen – und so ließen wir uns noch einiges aus der Sagenwelt erzählen, manches kam auch bekannt vor. Da ich als Gast fast immer nachschaue, wie es um das „stille Örtchen“ bestellt ist, tat ich es auch dort. Es plumpst leider in die freie Natur, mit dem Klären ist es noch nicht weit her. Das betrifft leider auch all die Rückstände, die beim Wäschewaschen im Wasser sind.

Dann ging es wieder in rasanter Bootsfahrt zu Anddreas` Langhaus, zu den Kayan. Herzlicher Empfang. Alles ein bisschen großzügiger angelegt als im Langhaus zuvor. Selbst ein Kirchlein (Anglikaner) ist da. Der unvermeidliche Reis-Wein kommt wieder zum Vorschein. Auch Kinder sind da, die wir mit eigens eingekauften Schul- und Malheften sowie Buntstiften „beglücken“. Fastfood hat auch um Borneo keinen Bogen gemacht, so dass viele Kinder bereits übergewichtig sind. Da kommt dann geistiges „Futter“ doch besser an. Anddreas drängelt dann ein bisschen, wohl weil er weiß, dass auf dem Reisfeld angerichtet ist.

Am Ufer angekommen sehen wir, dass es steil berauf geht. Zum Glück haben die Reisbauern ihre Langboote mit langen Seilen hoch oben festgemacht, so das man ein textiles „Geländer“ hat. Auf dem glitschigen Dschungelboden rutschen wir dennoch fast alle aus. Dann ein Fußmarsch von zehn Minuten – bis wir eine kleine Lichtung erreichen. Unter einem „Segel“ sitzen die Bauern und halten Siesta.

In Bananenblätter verpackt liegt der gekochte Reis vor uns, dazu Spinat (scharf!) und geschmorte Zwiebeln sowie ein wenig Fisch und Fleisch. Letzteres ist nicht so klar definierbar, so dass die holde Weiblichkeit es mit dem Probieren dann doch lieber lässt. Ich hab´s gegessen, weiß aber nicht was. Unser Engländer aß gekonnt mit der Hand, wir haben lieber den Löffel genommen. Zwischen uns sprangen ständig fünf ca. sechs Wochen alte Hundewelpen herum, die (für Malaysia ungewöhnlich) gehätschelt und geherzt wurden. Der Grund ist einfach: Hier ist der Hund ein Nutztier, wird zum Jagen gebraucht. Wenn die Kleinen ein halbes Jahr alt sind, werden sie erstmals mit in den Dschungel genommen und lernen das Waidwerk dann von den älteren Hunden.

Noch während wir essen, kommen zwei Männer vom Feld und laden ihre mit Reis gefüllten großen Körbe vom Rücken ab. Jetzt muss mit den Füßen „gedroschen“ werden, bevor der Reis dann trocknen muss. Eine Viecherei. Aber so leckeren, frischen Reis ohne Chemikalien habe ich noch nie gegessen! Die Temperaturen sind jetzt so, dass wir förmlich dem kühlen Fahrtwind auf dem Fluss entgegen fiebern. Auf dem Rückweg ging der Abstieg dann schneller, ich griff am Seil daneben und bewältige die Strecke sehr schnell – auf dem Allerwertesten.

Wir haben dann noch ein weiters Reisfeld „heim gesucht“ – und wurden vom Monsun völlig überrascht. Der Dschungel dampft dann förmlich. Das brachte eine Zwangspause von einer halben Stunde. Dann fuhren wir in einen Seitenarm des Rajang – zum Wasserfall. Unterwegs einige Stromschnellen. Das hieß: Aussteigen und an Land weiter, während Anddreas das Boot weiter stromauf manövrierte. Dann wieder steiler Aufstieg vom Ufer. Ich ließ die Sandalen zurück, denn beide „locals“ waren stets barfuß gegangen. Und siehe da: Der Dschungelboden ist weich und man hat viel mehr Gefühl als mit Sandalen. So wurde dann die Kletterpartie über eine Brücke, der fast alle Bohlen fehlten, auch wirklich leichter. Dann ging es ca. 50 Meter durchs Gebirgswasser. Endlich mal was Kühles. Auch das letzte Stück, das man förmlich Balancieren musste, ging gut. Als ich am Ende der Strecke dann ein Zigarettchen schmauchen wollte, schien mir förmlich jemand die Beine auf dem glitschigen Fels wegzuziehen. Irgendein Reflex aus längst vergangener Judo-Zeit ließ mich eine halbwegs gekonnte Fallübung seitwärts absolvieren – und dennoch war mein rechter Oberschenkel dann etwas „gebläut“. An eine rückwärtige Landung mag ich noch heute nicht denken, ich hatte die komplette Fotoausrüstung im Rucksack! Samt Blitz und Objektiven.

Ein Blick gen Himmel zeigte uns, dass der Monsun nicht würde auf sich warten lassen. Und wirklich: Es kamen nach wenigen Minuten Sturzbäche von oben. Von wegen „grünes Blätterdach“! Nach einer halben Minute kam der Regen 1:1 unten an. Was eine halbe Stunde zuvor noch begehbar war, wurde jetzt zur Rutschbahn. Und Anddreas wurde ein wenig skeptisch als er uns Zivilisations-Hanseln da so laufen sah. Wir machten Bekanntschaft mit dem (weichen) Boden und waren noch vor Erreichen des Bootes bis auf die Haut nass. Olga hatte eine wasserdichte Tasche für ihre Dokumente (glaubte sie!), wir haben dem Rucksack seine Regenhülle übergestülpt – und unser Engländer hatte jetzt einen Wassersack. Sein Rucksack vor derart voll Wasser gelaufen, dass man meinte, er habe einen undichten Wassersack geschultert. Man weiß ja: Wer den Schaden hat, spottet jeglicher Beschreibung …
Während wir das Boot bestiegen (es war bereits so voll Wasser gelaufen, dass es zum U-Boot zu werden drohte), legte Petrus noch einen Zahn zu – obwohl die klassische Regenzeit längst vorbei war. Plötzlich deutete Anddreas auf meinen linken Handrücken. Da hatten es sich doch tatsächlich zwei Blutegel bequem gemacht. Also schnell weg mit den Viechern! Nun ging es ans Schöpfen. Mit dem Eimer. Als das Boot leer genug war, legte Anddreas den Gashebel an den Anschlag. Die Mischung aus Regen und Fahrtwind zelebrierte ein Gefühl als ob einem kalter Hagel ins Gesicht schlagen würde. Jetzt war die Zeit der Schwimmwesten gekommen. Verkehrt herum angezogen boten sie guten Schutz. Und ich verfluchte diesen Hänfling von Engländer, da mir sein schmales Kreuz keinen Schutz nach vorn bot! Nach 40 Minuten endlich kam Belaga in Sicht. Nur die Treppe hoch und ab aufs Zimmer. Nur raus aus den nassen Klamotten – und ab unter die warme Dusche. Zeitgleich mit mir duschte im Nachbarzimmer der englische Gefährte. Als ich mein Zimmer verließ, stand er bereits mit (wieder lauwarmem) Bier an der Rezeption. Da hatte ich ihm jetzt etwas voraus: Heißen Tee. Wir hatten uns zu 20 Uhr mit Anddreas zum Abendessen verabredet. Aber wie trockenen Fußes hin kommen?
Es ging nicht – also wurden wir ein weiters Mal sacknass. Und haben diesen Umstand dann mit kühlem (!) Bier kompensiert. Anddreas kam später – mit einem Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. Er eröffnete uns, dass angesichts des heftigen Regens kein einziger Fahrer bereit wäre, in den nächsten zwei Tagen durch den Dschungel zu fahren! Verständlich und vernünftig zugleich. Schade dennoch. Wir mussten also sehr zeitig aufstehen, denn das einzige Express-Boot, das uns an einem Tag (da flussabwärts: nur 7,5 Stunden) gen Sibu bringen würde, ging bereits um 7 Uhr. Darauf ein doppeltes „Prosit“. Anddreas` Partner brachte plötzlich aus dem regnerischen Dunkel eine „Batterie“ eisgekühlter Bierdosen. Wenn schon feucht, dann richtig …
Wir haben dann doch bis kurz vor Mitternacht gesessen – und sind nur noch ins Bett gefallen. Aber ein Super-Tag war es dennoch. Kurzer Schreckensmoment nach dem Einschlafen: Meine bessere Hälfte muss an sich doch einen Blutegel übersehen haben; als das Vieh entfernt war (sie machen ja ihrem Namen daher alle Ehre, dass sie das Blut verdünnen) wollte und wollte die kleine Bisswunde nicht zu bluten aufhören. „Hochprozentige“ Tupfer haben dann geholfen. Doch noch eine „Gute Nacht“.

Tag 8: Es regnete die ganze Nacht hindurch Bindfäden. Als wir (ohne Kaffee, ohne Frühstück) um 7 Uhr das Express-Boot zurück gen Sibu bestiegen, hatten wir schon den leichten Horror vor siebeneinhalb Stunden Fahrt. Aber in jeder Situation schlafen zu können, ist da hilfreich gewesen. Geweckt haben uns die Gerüche von gekochtem Essen als das Boot für eine halbe Stunde in Kapit Station machte. Es wurden Saté-Spieße verkauft. Erst beim zweiten Bissen merkten wir, dass es die „leckersten“ Teile vom Huhn waren – die ganz hinten. Egal. Der Hunger treibt´s rein.

In Sibu angekommen, wollte mal wieder ein Taxifahrer ganz schlau sein. Er versuchte uns ein Taxi unterzujubeln mit der Begründung, zum großen Busbahnhof führe kein Zubringer. Naja. Jedenfalls wurden wir erst einmal unseren Engländer los, der dringend eine neue Kamera brauchte, da seine den vergangenen Tag nicht überlebt hatte. Zu dritt enterten wir den Bus gen Miri, den wir in Batu Niah verlassen wollten. Vier Stunden Fahrt mit dem „üblichen“ Unterhaltungsprogramm. Ich habe es verschlafen bis zum ersten Stopp. Für 5 Ringgit (etwas mehr als ein Euro) habe ich mir einen Berg Reis mit einem noch größeren Berg Geflügelleber aufgeladen – und konnte dann wieder gut schlafen …
In Batu Niah dann wieder eine weniger angenehme Überraschung. Zum etwa 15 Kilometer entfernt gelegenen Nationalpark fuhr nichts mehr. Kein Taxi, kein Bus, Nichts. Wir ließen uns am nächsten Foodcourt nieder – und bliesen Trübsal. Was tun? Weiterfahren und auf die Höhlen verzichten? Kam nicht in Frage! Unter freiem Himmel schlafen? Auch nicht so prickelnd. Während man uns Tee brachte, tauchte wie aus dem Nichts unser englischer „Freund“ auf. Mit neuer Kamera. Wie er das alles in affenartiger Geschwindigkeit erledigt hatte, wird sein Geheimnis bleiben. Olga war vom „Kuschler“ jedenfalls nicht begeistert. Sie wusste ja auch noch nicht, was ihr noch bevor stand.

Wir zogen dann auf die gegenüberliegende Straßenseite in den nächsten „Fresstempel“. Der mutmaßliche chinesische Besitzer, eher wie ein Zuhälter aussehend, sprach uns an. Wir waren nach dem Gespräch dann Experten in Sachen „Schwalbennester-Suppe“ – und hatten ein Quartier. Das billigste, das wir je in Asien hatten, Doppelzimmer mit Ventilator, sonst nix, für 25 Ringgit, das sind etwas mehr als 5 Euro. Wir folgten etwas skeptisch zu dieser Absteige, die mehr wie ein Bretterverschlag, denn wie ein Hotel aussah. Egal. Unsere beiden Begleiter teilten wieder das „Zimmer“. Die sanitären Bedingungen werde ich besser nicht beschreiben, da verging jeglicher Appetit auf Tage hinaus! Die Temperaturen waren dann erträglicher als zu vermuten war. Die beiden Frauen haben in dieser Nacht wohl nicht so gut geschlafen.
Zu Teil 3.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.