Bescheidene „Bescheidene“

Mit der deutschen Rechtschreibung hapert es, mit "Buen camino" sowieso.  Bescheiden eben, sehr bescheiden.

Mit der deutschen Rechtschreibung hapert es, mit „Buen camino“ sowieso. Bescheiden eben, sehr bescheiden.

Ich mag bescheidene Menschen auf Reisen. Sie wissen um allgemeine Werte – sie wertschätzen Menschen, deren Leistungen sowie deren Eigentum gleichermaßen. Sie haben Kultur und sind frei von Standesdünkel jedweder Art. Sie haben Benimm und Herzensbildung. Das alles nehmen sie auch mit auf Reisen und lassen es nicht daheim zurück.
Und dann gibt es da noch die geistig Bescheidenen. Wenn es um Leistungen geht, meinen sie die der anderen. Leistungen, die Dritte zu ihren Gunsten zu erbringen haben. Und diese Leistungen schätzen sie grundsätzlich geringer als die eigenen. Sie meinen tatsächlich, sie hätten unterwegs irgendwelche Ansprüche – ohne dafür zahlen zu müssen. Man trifft diese widerliche Spezies häufiger in irgendwelchen „all inklusive“-Massen-Absteigen – aber eben leider auch (Gottseidank selten) in Gästehäusern Südostasiens oder auf Pilgerwegen in Spanien.
Sie haben ihr tägliches „Limit“ (auf den Jakobswegen gern weniger als zehn Euro) – wollen aber dabei auf nichts verzichten. Sie haben einen lächerlichen Pauschalpreis entrichtet – sind aber unfähig, die dementsprechenden recht bescheidenen inkludierten Leistungen einzuordnen. Kurz gesagt: Nicht wenige Landsleute möchten auf Reisen gern fortwährend einen Dacia in der Grundausstattung bezahlen, aber einen S-Klasse Mercedes in Vollausstattung fahren. Ich nehme es deutlich vorweg: Solche Nassauer widern mich an! Welch abgrundtief dümmliche Überheblichkeit versteckt sich hinter Stirnen, die sich als „Pilger“ gern von „Touristen“ abheben möchten?
Küche in PilgerherbergeZum aktuellen Anlass. Pilgerherbergen auf den verschiedenen Jakobswegen bieten nun einmal für einen sehr niedrigen Preis (oder gegen eine freiwillige Spende) oft nur bescheidenen Komfort: Ein Bett im Schlafsaal (meist ohne Bettwäsche), Duschen und WC (mitunter auch mit kaltem Wasser und einer solchen Zahl, dass man lange warten muss). Seltener gibt es die Möglichkeit, selbst zu kochen und Wäsche zu waschen. Gemeinschaftliche Aufenthaltsräume sind zum Glück immer häufiger an der Tagesordnung. Die Übernachtungspreise in Pilger-Herbergen schwanken pro Person zwischen 6 Euro und 12 Euro.
Die beiden Landsleute, die in der Herberge in Aldea del Cano (Extremadura) ihre himmelschreiende Blödheit in Schriftform dokumentierten, fanden vor: Eine „Lobby“ (Aufenthaltsraum), die auch in vielen kleinen Hotels nicht anders ausschaut. Saubere Schlafräume (Doppelstockbetten mit guten Matratzen – samt Laken und Kopfkissen). Eine blitzblanke Küche mit Herd (Ceranfeld), Mikrowelle, einem großen Kühlschrank. Eine Waschmaschine zur kostenlosen Benutzung. Preis pro Person: 6 Euro.
Und nun fangen wir für die „bescheidene“ Schreiberin obiger Zeilen, die das „teuer“ findet, mal das Rechnen an. 9 Betten zu je 6 Euro = maximal 54 Euro am Tag. Rechnen wir großzügig an 365 Tagen mit je 5 Pilgern – macht dann per anno 10.950 Euro. Davon müssen die Immobilie selbst, sämtliche Abschreibungen, Reparaturen, Heiz- und Wasserkosten sowie Strom bezahlt werden. Jeden Tag braucht es eine Arbeitskraft zum Reinigen der Zimmer. Wer einen Restfunken betriebswirtschaftlichen Verstands aufbringen kann, wird unschwer erkennen können, dass bestenfalls eine schwarze Null dabei herauskommt.
Es ist unglaublich, was deutsche Vollidioten in die Gästebücher von Pilgerherbergen absondern. Beide Fundstücke stammen aus der gleichen Herberge!

Es ist unglaublich, was deutsche Vollidioten in die Gästebücher von Pilgerherbergen absondern.
Beide Fundstücke stammen aus der gleichen Herberge!

Niemand hat auf der großen weiten Welt ein Problem damit, wenn Reisende „bescheiden“ leben möchten. Die „Bescheidene“ und Ihresgleichen hindert kein Mensch daran, unter der Brücke oder im Zelt zu schlafen. Vermutlich hätte auch kein Landwirt etwas dagegen, wenn sie sich unterwegs am frischen Gras laben, von Lichtnahrung oder auch Luft & Liebe leben würden. Btw: Wenn man in Aldea del Cano „nichts mehr hatte“: Kein Problem, man hätte nur drei Mal hinfallen und wieder aufstehen müssen, um ein dreigängiges (bescheidenes) Pilger-Menü zu genießen. Aber natürlich war es billiger, sich die Reste Dritter einzuverleiben.
Nicht nur der Pilgerhut geht vielen hoch, wenn sie vom ganz und gar unchristlichen Anspruchsdenken der „Bescheidenen“ hören oder lesen! Nein, kostenlos zu reisen geht ebenso wenig wie kostenlos zu pilgern. Selbst diejenigen, die (irgendwie) ohne Geld durchkommen, leben nicht kostenlos. Sondern auf Kosten anderer!
Nach der Lektüre des Gästebuchs in Aldea del Cano war leider wieder einmal angesagt, was wir nur ungern tun: FREMDSCHÄMEN. Die beiden Gästebuch-Schreiberlinge sind nur zwei hässliche Seiten ein und derselben Medaille – aber des gleichen (Un)Geistes Kind! Wir haben die leise Hoffnung aber (noch) nicht aufgegeben, dass diese „Bescheidenen“ unter unseren Landsleuten vielleicht doch irgendwann daheim bleiben.

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